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Korrespondenz: Alfred Escher – Egbert Friedrich von Mülinen

AES B0123 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#360*

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 9

Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, Neuenburg, Montag, 15. Juni 1835

Schlagwörter: Freundschaften, Gymnasien, Reisen und Ausflüge, Universitäten und Hochschulen (diverse)

Briefe

Neuenburg, Montags den 15ten Juni 1835.

Theuerster Freund!

Es ist mir eine unerklärliche Sache, warum du mir nicht schon längst geschrieben, denn seit Ende Februars bist du mir immer eine Antwort schuldig; es müßte denn der Brief, den ich dir damals schrieb, auf der Post verloren gegangen seyn.1 Es ist aber auch möglich, daß der Religionsunterricht, mit dem du, wenn ich mich nicht irre, eben beschäftigt bist, dir nicht die Muße gönnte, meiner schriftlich zu gedenken. – Dem sey nun wie ihm wolle, ich hätte dir schon längst wieder geschrieben, wenn es etwas für dich Erfreuliches zu schreiben gegeben hätte, aber es ist nun der Fall!

Du wirst vielleicht schon wissen, daß es immer so gemeint war, ich sollte nur ein Jahr in Neuenburg zubringen; und gottlob, es verhält sich auch so. Donnerstags soll die tröstliche Abreise Statt finden, und vielleicht wär' ich schon fort, wenn ich nicht noch die Examen von heute und morgen abgewartet hätte. So eben sind meine Eltern2 hier, um mich abzuholen. Ich sagte dir soeben gottlob, und das wirst du dir wohl vorstellen können, denn in allem Ernste gesagt, Neuenburgs Aufenthalt hat keineswegs meinen Wünschen entsprochen. Ein Grund unter Anderen ist, daß es mir rein unmöglich wäre, allhier freundschaftliche Verhältnisse zu pflegen. So hab' ich denn keine sogenannten Freunde, geschweige denn wahre Freunde, wie du mir Einer bist. Ich hoffe nämlich, du werdest nicht von mir nachgelassen haben, wenn ich dir schon nicht mehr geschrieben. Meinerseits kann ich dir eidlich versichern, daß ich nur um so mehr an dich gedacht habe, und daß du mir immer theuer bist. – Laßt uns auf das Vorige zurückkehren!

Ich will dir nämlich sagen, daß einige meiner Verwandten, worunter meine ver...... Schwiegermutter3, und höre, höre! die Familie Wyß4 in Zürich besonders, – die auch ihre hochweise Nase in Alles stecken muß – alles nur Mögliche angewandt haben, um meinen Vater zu bereden, meinen hiesigen Aufenthalt noch um ein Jahr zu verlängern, aber alle Versuche haben an seiner Beharrlichkeit zu seinen schon genommenen Maßregeln gescheitert; so ist denn all das Trachten obgenannter Personen abgespiesen worden. Da ich | so eben etwas von den Wyß gesprochen, so will ich dir Geheimnisse offenbaren, die dich aber vielleicht eben nicht wundern werden. Du wirst dich also noch erinnern, wie vorigen Sommer, als ich einige Tage in Zürich verweilte, ich einen Brief von meinem Vater erhielt, worin er mir schrieb, ich solle mich auf meiner Durchreise in Zürich gar nicht aufhalten. Bis jetzt hatte ich nie recht gewußt, was eigentlich der Grund dieses Verbotes wäre. Nun aber hat's mir mein Vater letzlich gesagt; es ist, weil meine Tante5, auf die Nachricht hin, ich werde auf meiner Reise auch via Zürich kommen, meinem Vater in ziemlich barschem Tone geschrieben, «ja ich solle nur nicht nach Zürich kommen, denn sie könnten mich ja doch nicht beherbergen, so sie in Meilen wären, etc.» (Gottlob kam ich nach Zürich, und – Dank unserer Freundschaft – ich habe von deinen Eltern eine Aufnahme erfahren, die ich nie erwartet hätte, die mir aber auch stets deßwegen in der Erinnerung bleiben wird). – Nun wirst du wissen, daß die Familie Wyß vor geraumer Zeit etwelche Tage in Bern zugebracht hat. Damals schrieb ich, wie es mir leid wäre, sie nicht sehen zu können, da es die Umstände nicht erlaubten. Als sie in Zürich zurück waren, schrieb mir der Junker Georg von (?) Wyß6, gedachte aber auch mit keiner Sylbe daran, daß er mir nicht hätte sehen können. In Bern selbst, nach der Aussage meines Vaters, dachten sie an mich so wenig, als wie wenn ich nicht existirt hätte. Daß dieß im Ganzen genommen unartige Betragen der Familie Wyß meinen Vater verdrossen, kannst du dir wohl vorstellen; er hat mich öfters gefragt, was ich meinte, was wohl die Schuld seyn könnte, und ich hab' ihm gerade heraus antworten müssen, ich wüßte auf aller Welt nicht, warum sie gegen mich so eingenommen wären, freilich hätt' ich schon in Zürich deßwegen unangenehme Auftritte gehabt, etc. – Man sieht aus dem Allem nur den hämischen und knauserigen Eigensinn Ihro Excellenz der jungen Herren von Wyß!!!!!!!!!!

Jetzt wirst du mich fragen, wohin ich mich denn verfügen werde, so ich Neuenburg verlasse – und darauf antworte ich dir, daß ich auf jeden Fall nicht nach Genf gehen werde, wie es lange gemeint war, und hiemit das Gebiet der französischen Sprache, Sitten, Gebräuche, etc. verlassen werde, um mich auf | deutschen Boden zu verfügen.7 Auf jeden Fall werde ich auf die Universität nach Berlin gehen, aber da es da zu Vorbereitungs-unterrichte erheischt, so werde ich noch anders wohin gehen, und zu diesem Behuf hat mein Vater schon mit Stuttgard angesponnen, was du vielleicht schon durch die Wyß vernommen haben wirst die – im Vorbeigehen gesagt, sehr dagegen geeifert; – dem sey nun wie ihm wolle, ich bleibe den ganzen Sommer und mehr, also 2 Monate, in Bern; ob ich in dieser Zeit auch nach Zürich gehen werde, ich8 die höchste Frage; denn mein Vater hat keine Lust, mich den Wyß wieder anzuvertrauen, und ich meinerseits möchte wieder nicht deinen Eltern zur Last fallen. Weit lieber wäre es mir, du kämest einmal zu mir nach Bern; wenn aber auch dieß nicht Statt haben könnte, so sollten es wir so einzurichten suchen, uns sonst irgendwo zu sehen, und dazu wären die Schweizerreisen das tauglichste Mittel. Zu diesem Behuf meld' ich dir, daß ich vielleicht unter Anderem auch in die kleinen Kantone, auf den Rigi, etc. gehen werde, wo ich noch nie gewesen bin. Wenn du nun deinerseits von Zürich aus dich dahin verfügtest, so könnten es wir uns leicht antreffen, und das wäre herrlich. Sonst [finde?] ich keine andere Weise dich zu sehen. Was das Töllste ist, wenn ich nach [Stuttgard?] gehe – wohin mich wahrscheinlich dein Vater9 begleiten wird – so werden wir wegen der dummen, leidigen Geschichten mit der Familie Wyß unseren Weg kaum durch Zürich, sondern eher durch Basel nehmen!!! Trotz aller dieser Hindernisse hoff' ich doch diesen Sommer dich zu sehen, und in dieser angenehmen Erwartung verharrt

Dein treuster Freund

E. F. von Mülinen

NB Empfehle mich vielmals deinen Eltern, deiner Schwester, etc.

Kommentareinträge

1Unter Eschers nachgelassenen Papieren befindet sich ein Brief von Mülinens vom 8. Februar 1835. Ein allfälliger späterer Brief konnte nicht ermittelt werden; möglicherweise erreichte tatsächlich ein Brief von Mülinens Escher nicht. Vgl. Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, 8. Februar 1835.

2 Francisca Sophia von Mülinen-Petitpierre (Lebensdaten nicht ermittelt), Tochter der Maria Petitpierre-de Rougemont und des Jean Frédéric Petitpierre, zweite Ehefrau Gottfried von Mülinens, Stiefmutter Egbert Friedrich von Mülinens, und Gottfried von Mülinen (1790–1840), ehemaliger bernischer Oberamtmann in Nidau (1822–1831) und Major im eidg. Generalstab (1824–1832).

3Verschrieb, wohl gemeint: «Stiefmutter» .

4Gemeint ist die Familie von Bürgermeister David von Wyss und seiner Söhne, Mülinens Vettern Georg und Friedrich von Wyss.

5 Johanna Sophie von Wyss-von Mülinen (geb. 1794), Tochter der Elisabeth Maria von Mülinen-von Wattenwyl und des Niklaus Friedrich von Mülinen; Schwester Gottfried von Mülinens, dritte Ehefrau (ab 1817) von David von Wyss und Mutter von Friedrich von Wyss.

6 Georg von Wyss (1816–1893), von Zürich, Student der philosophischen Fakultät. – Halbbruder von Friedrich von Wyss; Mitglied der Sektionen Zürich (1834/35) und Genf (1835–1837) des Zofingervereins, Privatdozent (1850–1858), ausserordentlicher (1858–1870) und ordentlicher Professor (1870–1893) für schweizerische Geschichte an der Universität Zürich. Vgl. Beringer, Zofingerverein II, S. 562; Gagliardi/Nabholz/Strohl, Universität Zürich, S. 980.

7Bereits kurz nach seiner Ankunft in Neuenburg schrieb von Mülinen an Escher: «ich bin, so gut, wie du, ein erklärter Franzosenfeind.» Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, 27. April 1834.

8Verschrieb, wohl gemeint: «ist» .

9Verschrieb, wohl gemeint: «mein Vater» .