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Korrespondenz: Alfred Escher – Egbert Friedrich von Mülinen

AES B0122 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#360*

Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, Neuenburg, Sonntag, 8. Februar 1835

Schlagwörter: Gymnasien

Briefe

Neuenburg, Sonntags, den 8ten Februar 1835.

Liebster Freund!

Nicht genug kann ich dir für deinen herzlichen Brief danken, und namentlich für die vielfältigen Winke die du mir gibst. Allem Anschein nach zu urtheilen, mußt du immer der muntere und fröhliche Compan seyn, der du früher schon warst. Wisse, auch ich wär's an deiner Stelle, wenn ich nicht in dem verdammten Neuenburg säße und stäcke, wo – ich sag es nur dir – ich trotz aller Lustbarkeiten etc. mich bei weitem nicht so belustige als weiland in Zürich. Hier ist eine Steifheit in den Attitüden und Gebehrden, die sich nur mit der spanischen Grandezza vergleichen ließe; hier hab' ich unter uns Fremden namentlich Lauscher, die jedes Wort, das ich mit den Damen spreche, so zu sagen, ertappend abwägen und falsch auslegen – und dieß kommt, wie ich vermuthe, einzig und allein daher, daß meine Eltern, die hier durch meine verfl.–te Stiefmutter viele Verwandte und Bekannte haben, ihnen aufgetragen haben, meiner recht zu hüten und alle meine Schritte fleißig zu beobachten. Da möcht' ich denn lieber zum T.–l gehen! Ein Wunder ist's, daß ich nicht vor verbissenem Ingrimm auseinandergeberstet! Lachen magst du vielleicht, du der du in der Ferne bist! Mir aber ists zum K.-tz-n übel! Nun genug des Schimpfes, der ja doch blutwenig nützt. Weit besser ist's, ich gehe weniger mehr in's monde zu Neuenburg, und widme mich um so eher den hehren studiis, die mir noch die einzige Freudenstütze allhier gewähren, ich der ich entfernt bin von wahren Verwandten und wahren Freunden. Da sitz' ich in meiner göttlichen Stube, deren Vorzüge du schon kennest, mit der rothen Griechenmütze auf dem Kopfe, die Feder hinter's Ohr gestellt, und den Geist auf das gespannt, was ich bearbeiten soll. So hab' ich gegenwärtig ein großes Werk vor, ich behandle nämlich die Eroberung Konstantinopels durch Mohammed II im Jahr 1453 als ächt-französischen Aufsatz, d. h. der nicht nach Germanismen riechen soll, und eine solche Arbeit erfordert für einen Auslän| der eben nicht geringe Zeit und Mühe. Dazu hab' ich als Quelle nur Eine, und zwar noch eine deutsche, freilich aber auch eine vortreffliche, ich meine, des gelehrten Orientalisten J. v. Hammer Geschichte der Osmanen, dessen Erzählung von Konstantinopels Eroberung in bündigem Auszuge in Kriegk's «Belehrenden Darstellungen» steht, und woraus ich auch meine Arbeit geschöpft habe. Endlich, wie wollte man gut auf französisch ausdrücken können, was nur der kernhaften und kräftigen Germanensprache angehört! So z. B. die Donnerflüche eines Mahomet, die Schlag auf Schlag erfolgenden Begebenheiten, das einfache aber göttliche Rief's oder sprach's am Schluße der von der handelnden Person selbst angeführten Worte. Nein das sind alles Ausdrücke, die nur einem Voß oder einem Bürger angehören, dessen Gedichte ich, wie du weißt, zum Zeitvertreibe lese, und von denen ich mich nicht enthalten kann, dir einige échantillons zu geben.

«Und weiter, weiter, hop, hop, hop! Von Alters war ein Gott,
Ging's fort in sausendem Galopp, Von nicht geringem Ruhme
daß Roß und Reiter schnoben, Im blinden Heidenthume;
Und Kies und Funken stoben!» Nun aber ist er todt.
(versch. Male in «Lenore») Er starb – post Christum natum –
Ich weiß nicht mehr das Datum. Anf. zu
Jupiter's Raub von Europa.
«Rasch zückte der Alte den blinkenden Dolch, Das dröhnt dem Marschall
Und bohrte darnieder den spanischen Molch.» durch Mark und Bein,
(«Lenardo und Blandine.») Wie Wetterschein
Entlodert sein Sarras der Scheide.
Vom Donner des Fluches erschallet das Schloß,
Er stürmet im Wirbel der Rache zu Roß,
Etc. («Das Lied von Treue.»)

Welche Kraftsprache, und zugleich welche Einbildungskraft! Meine andere deutsche Lektur sticht freilich ziemlich viel davon ab! Ich meine die der Abentheuer des Freiherren von Münchhausen, von denen ich dir eine flotte Posse angeben will. Einstens traf er unvermuthet einen Bär an, er hatte zu Waffen nichts als 2 Flintensteine. Wie der Bär auf ihn zu will, schmeißt unser Pfiffikus Münchhausen ihm einen dieser 2 Steine in den Rachen hinein, der Bär kehrt sich rechts um, im gleichen Augenblick wirft ihm unser Held den anderen Stein durch den Steiß hinein; die beiden Steine treffen sich in des Bären Leibe, sie geben Feuer, es knallt und unser ursus zerplatzt netto auseinander. Was sagst | du zu dieser Farce?

Was die Studien betrifft, so geht es immer im alten Geleise fort, außer daß ich eine große Neigung zur Mathematik bekommen habe, übrigens hab' ich dir's ja schon gesagt, wie ich glaube. Was die jungen Neuenburger betrifft, so könnte ich unmöglich auch nur einen Einzigen als Kameraden anerkennen, geschweige als wahren Freund wie du einer bist. Ich hoffe deßwegen auch du werdest stets wie bisanhin gedenken deines treuen Freundes

E. F. v. Mülinen

Ich bitte dich angelegentlichst, mich bei deinen Eltern, deiner Jgfr. Schwester, Herrn Schweizer etc. zu empfehlen.