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Korrespondenz: Alfred Escher – Egbert Friedrich von Mülinen

AES B0121 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#360*

Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, Neuenburg, Sonntag, 25. Januar 1835

Schlagwörter: Feiern und Anlässe, Freundschaften, Gymnasien, Religion

Briefe

Neuenburg, Sonntags den 25sten Januar 1835.

Liebster Alfred!

Ich kann durchaus nicht begreifen, warum du mir nicht mehr schreibst. Hast du zu viel zu arbeiten, oder hast mich etwa vergessen! Ich einmal hab' dich keineswegs vergessen, im Gegentheil, mitten unter den hiesigen Winterfreuden vermiß ich dich immer. Was ist denn vorgefallen? Hat dir A. Kölliker nichts von meinen Nachrichten gegeben? Ich hab's ihm doch gesagt, er solle dir dieß und Jenes von mir erzählen. Nein, mit Einem Worte gesagt, unerklärlich ist mir das Ausbleiben der 2 Briefe, die du mir schuldig bist. Erwartest du einen Brief von mir? Ja, erwarte einen, der dann der 3te ist, den du mir schuldig bist! Genug des Redetones, und nun zur Sache!

Du weißt also, daß ich zu Weihnachten allhier meine erste Kommunion gemacht habe; denn ohne Zweifel werden dir Kölliker und besonders G. v. Wyß davon geredet haben. Wann kommt für dich dieser so wichtige Augenblick des Lebens? Du wöllest doch die ganze Wichtigkeit dieser Sache recht bedenken! Du wirst ferner wissen, daß ich das Neujahr in Bern bei meinen Eltern zugebracht: allein da hab' ich keine Festivitäten genossen, besonders weil es nach meiner Kommunion zu nahe gewesen wäre. Jetzt in Neuenburg zurückgekehrt vergehen nicht 2 Tage, wo nicht Festivitäten aller Art wären. Bald ist's eine Redoute, bald eine Soirée, bald ein Privatball, bald die Sonntagssocietät. etc. Bei allem diesen aber vergeß' ich die Studien keineswegs, nein, im Gegentheil, ich vertiefe mich immer mehr darinnen, und was dir sonderbar vorkommen wird, ich habe seit einiger Zeit ganz ein eigenes Interesse für alles, was die Mathematik betrifft: Algebra, Geometrie; es versteht sich daß alles dieß auf französisch getrieben wird. |

Betreffend die göttliche Philologie, so muß ich dir auch sagen, daß wir des herrlichen Horaz's Episteln übersetzen, und was die privata betifft, die sich hier – herrlicher Weise – nur mündlich machen, so übersetze ich gegenwärtig der Iliade 1stes Buch. Betreffend meine Privatlektüren für mich lese ich von deutschen Werken Bürger's Gedichte (ein flotter Bursche), und des Münchhausens Abentheuer, worin sich auch tüchtige Zoten befinden; von französischen Werken hingegen sehr viel, jetzt z. B. des unsterblichen Boileau Werke, etc.

Was meine Festivitäten und Freuden anbelangt, so sind sie mir im Allgemeinen lieb; es gibt immer gute Fräße; und was in Zürich gewöhnlich nicht Statt findet, es krönt hier immer ein herrliches Nachtessen, wo Jeder seine Dame führt, jeden Privatball. Trotz aller dieser Herrlichkeiten belustige ich mich dennoch bei weitem nicht so sehr wie mit dir und den Eschern, als wir den Häschern entrannen. Allein eben erfreuliche Nachrichten von Zürich bekomme ich nicht, wenn was mir Magister Kölliker berichtet hat, wahr ist! Was ist denn vorgefallen? Du weißt wohl, was ich meine??!!

Ehe ich den Brief schließe, muß ich dir noch einige Fragen thun: wie geht's unserm Thörli ? wie geht's Paul Usteri? macht er immer den Damoiseau? wie geht's dem hinkenden Pestalozzi? Das und lauter Possen, wirst du meinen, und du irrst dich – gar nicht!! Ha! Ha! Bevor ich von dir Abschied nehme, so richte mir Grüße aus: 1) an deine werthen Eltern 2) an deine Jfr. Schwester 3) an Herrn Schweizer, etc. etc. etc.

Dein dir treuester Freund

E. F. v. Mülinen