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Korrespondenz: Alfred Escher – Egbert Friedrich von Mülinen

AES B0120 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#360*

Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, Neuenburg, Sonntag, 31. August 1834

Schlagwörter: Freundschaften, Gymnasien, Reisen und Ausflüge

Briefe

Neuenburg, Sonntags, den 31sten August 1834.

Theuerster Freund!

Glaube ja nicht, ich hätte etwa deiner vergessen! Wahrlich, du hättest schon längst einen Brief von mir erhalten, allein ich bin jetzt ziemlich viel mit Geschäften überhäuft, und von Bern aus hätte ich dir beinahe Nichts schreiben können. Also hoffe ich, du werdest mir verzeihen; übrigens kenne ich deine Milde und Freundschaft für mich zum Voraus! So laß mich denn beginnen!

Nachdem ich deinen Vater in der Chese an der Thorgasse verlassen, nahm ich dort eines kleines Mittagessen an, und begab mich dann, von Meister Fritzen begleitet, auf die Post. Da ich allein im Postwagen saß – obschon das Billet für mich erst nach 10 Uhr geholt wurde – so legte ich meine Beine auf den Vordersitz, und so gemächlich ausgestreckt schlief ich ein, während eine schreckliche Hitze mich umgab. Glücklich in Aarau angekommen ließ ich mir dort an der Table d'Hôte – wo ich Bekannte von Bern antraf – den trefflichen Landwein (noch einmal gesagt!) schmecken. Die Reise von Aar. nach Bern brachte ich größtentheils mit Schlafen zu. Kaum erblickte mich mein Vater, so fragte er mich, warum ich nicht mit Herrn von Tavel zurückgekommen? Ich antwortete, weil ich sonst meine Verwandten und Freunde nicht hätte sehen können. Und damit war das – von mir so gefürchtete – Colloquium zu Ende, denn mein Vater entgegnete Nichts darauf; warum? weiß ich nicht recht!! – In Bern blieb ich noch 8 Tage, und sah noch mei| ne Verwandten und Freunde. Dann ging die Reise in famiglia nach Neuenburg, von wo meine Eltern mit Zurücklassung meiner Person 3 Stunden weiter in das väterliche Haus nach St Aubin gingen. Ich blieb also in Neuenburg in meinem alten Logis, wo ich mich überall wieder – erkannte. Die ersten Tage brachte ich viel mit Lesen zu, weil die Kurse eigentlich noch nicht begonnen hatten. Jetzt da ich nicht mehr Auditor, sondern wirklicher Studiosus bin, so habe ich weit mehr zu arbeiten. Da meine Lehrer einen prächtigen Rapport von mir der Schulkomission gemacht, so brauchte ich kein Eintrittsexamen zu leisten. Da ich dir nichts zu verhehlen brauche, so will dir anzeigen, in welchen Fächern und was ich in denselben studire. Im Lateinischen wird fortgesetzt im Leben des Agricola von Tacitus; im Griechischen wird Oedipus rex von Sophokles betrieben, welcher Schriftsteller weit schwerer ist als Homer. Daneben macht man privata, aber ohne sie zu schreiben, und ohne dann sie zu lernen: So übersetze ich mündlich für mich das 1ste Buch von Homer's Iliade, und Taciti Germania (Letzter. noch nicht angefangen). Dieß Alles wird mit dem Professor der Philologie betrieben. Dann hab ich noch im Kolloquium Französisch und Geschichte, beides beim gleichen Professoren. In Ersterem wird ein Kurs über die französichische Rhetorik durchgemacht: gegenwärtig sind wir an dem Abschnitt der Beredtsamkeit. Dann werden – nach der Ordnung im Katalog – Aufsätze gemacht, laut vorgelesen in der Stunde und dann von den Anderen, Einer nach dem Anderen, und dem Lehrer zuletzt kritisirt. Ein Gleiches geschieht mit den auswendig zu lernenden Stü| cken. Daneben wird 1 Stunde per Woche gebraucht um über angegebene Stücke in der französischen Litteratur, die vorher zu Hause gelesen werden, und worauf man dann eine schriftliche Beurtheilung verfertigt, eine solche Kritisirung vorzulesen, die dann wieder von den Schülern kritisirt wird. Endlich haben wir in der Geschichte für diesen Jahreskurs ein weites Feld zu durchschreiten, nämlich vom Anfang der Unruhen der Grachen bis – zur Reformation, wo dann unser Lehrer ausführlicher werden soll – nach seiner Aussage! Dieß sind meine Kollegienstunden. Was dann die Privatstunden betrifft, so habe ich 2 für die Religion, beliebige für die Mathematik und das Französisch. Musikstunden hab' ich noch keine , weil ich kein Klavier [habe?]. Morgen aber hoffe ich das zu bekommen (per Vermiethung), welches Marie Pourtalès bis anhin hatte! Somit werde ich wieder, wie weiland, die Vorübergehenden delektiren. Reitstunden hab' ich einstweilen keine wieder (gehabt), so der Rittmeister abwesend ist. Dieß sind meine Stunden im Ganzen: ich habe keine Lektionen in allen Nachmittagen der Woche. Diese Zeit benütze ich hingegen dann zum arbeiten. Denn Sophokles und französische Rhetorik sind gewichtige Sachen. – Langeweile hab' ich immer ein wenig, meine Eltern sah ich nur letzten Sonntag in St Aubin, wohin ich auf dem neuen Dampfschiff Ist das Dampfschiff für den Zürchersee angekommen? – das sehr lang und sehr schmal, aber schön ist – ging, und wo ich wahrscheinlich in 3 Wochen meine 2 Wochen Ferien mit meinen Eltern – in den Reben – zubringen werde. Also nichts von einem Aufenthalt in Bern, geschweige denn von einem in Zürich. In der Hoffnung nun, du werdest mir nicht zürnen, erwarte | ich bald einen Brief von dir. Vergiß mir nicht, viele Grüsse von mir aus an deine theuren Eltern, an deine Schwester, Herrn Schweizer, wenn er zurück ist, etc., auszurichten.

Dein treuster Freund

F. von Mülinen.

NB: Ich mußte heute als Einer der unterwiesen wird, – auf franz. – zum 1sten mal in der Kirche aufsagen!