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Korrespondenz: Alfred Escher – Egbert Friedrich von Mülinen

AES B0118 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#360*

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 8

Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, Neuenburg, Sonntag, 18. Mai 1834

Schlagwörter: Freundschaften, Gymnasien

Briefe

Neuenburg, den 18ten Mai 1834.
Sonntags.

Werthester Freund!

Nicht länger will ich säumen, deinen Brief1 zu beantworten, der mir so viele Freude gewährt hat, aber nimm es mir nicht für übel es nicht früher gethan zu haben. Ich wollte nur warten, um dir dann eine lange Epistel zu übersenden. Dein Brief enthielt allerlei Lustiges und Ergötzliches, besonders was die Appendikel in der Schinzischen2 Stunde betrifft. Aus gewissen Namen habe ich wahrgenommen, daß also auch Fremde, wie ich war, in die 1ste Klasse eingetreten sind, wie ein Sulzberger3 (hat er denn die Sulz (bei uns in Bern: Gallerich ) gern?) etc. Ueber die Lehrer machst du die gleichen Bemerkungen, wie ich sie weiland machte; also du, Naturforscher, findest den Schinz, wie ich, langweilig? Ha, du wolltest es mir nicht glauben; übrigens, welchen Abschnitt behandelt er jetzt? Worin übersetzt ihr beim Professor Fäsi4; im Griechischen sowohl als im Lateinischen? Schreibe mir dieß Alles!

Ich bin also schon eine Zeitlang hier, aber dessen ungeachtet, will's mir noch nicht gefallen; deßhalb suche ich mir durch häufiges Briefschreiben zu zerstreuen, besonders nach dem lieben Zürich. So schrieb ich letzlich per jocum5 dem H. Orell6, wo ich ihm meistens nur von meinen Stunden schwatzte. Da ich nun an diesen bin, so wird es dir vielleicht angenehm seyn, eine nähere Auferklärung darüber zu erhalten. Deßhalb diene fol| gende Uebersicht:

Stunden. Montag Dienstag Mittwoch Donnerst. Freit. Samstag.
6–7 Mathem. Mathem.
6½–7½ Religion Religion
8–9 Latein Latein Latein
9–10 Griechisch Griech. Griech.
10–11 Französ. Französisch Französisch Französisch# Französisch
11–12 Geschichte Mathem. Geschichte Französisch# Geschichte
=
2–3 Naturgesch. Naturgesch. Naturgesch.
3–4 Musik Musik
4–5 Musik
4½–5½ Reiten Reiten Reiten
5–6 Französ. #

# diese 2 fr. Stunden sind Partikularstunden im Fr.

So habe ich denn im ganzen 30 Stunden in der Woche, die mir aber nicht viel zu schaffen geben, wenigstens habe ich jetzt mehr Leichtigkeit zum Uebersetzen des Gr. oder Lat. in's Französ. Was man in den Stunden traktirt, hab' ich dir schon geschrieben, wie ich glaube. Gegenwärtig übersetzen wir jedoch, da wir das 9te Buch der Iliade beendigt haben, im Thucydides7, bis wir nämlich den bestellten Sophokles8 erhalten haben wo «Oedipus der König» übersetzt werden wird. In der Naturgeschichte wird die Botanik (bei Agassiz9 ), in der Geschichte die alte Gesch. bis auf die Revolution der Grachen (133 v. Chr.) getrieben. In der Musik spiele ich vierhändige Stücke mit Hn Pfister10; im Reiten endlich trotte ich schon, fiel aber letzlich, da ich keine Steigbügel hatte, in der Reitschule vom Pferde herunter, was mich aber nicht | beschädigte, und was mir wie allen Anfängern, öfters begegnen wird. Dieß über die Stunden – Endlich will ich dir noch über mein sonstiges Leben allhier Einiges mittheilen, zuerst über die Bewohner des Hauses. Im Hause ist also Herr Auguste Perret11, der etwas kalt und abschreckend (, aber im Herzen gut?) ist; dann seine Frau Charlotte (!)12, noch an den Geburtsschmerzen etwas leidend, ferner ihre Schwester, Louise Petitpierre13, ein kleines ganz mißgestaltetes Frauenzimmer, und endlich der Kleine14, der nächstens in der Taufe den Namen: Georg Theodor (Thörli (Schultheß)15 ) erhalten wird. Die Mägde werden dich wenig interessiren. Jetzt über sonstige Bewohner. Bekanntschaften hab ich (außer Verwandten) bes. unter Freunden noch wenig geschlossen. Den H. Bodmer16 habe ich noch kein Wort gesprochen. Dann und wann werde ich eingeladen. So erhielt ich für letzten Sonntag17 eine Einladung in eine Societät von jung. Herren und Damen. Ich, der keinen Menschen kannte, war anfangs etwas scheuch; doch [machte?] ich draußen [in?] [...?] Garten Spiele mit; drauf ward ein herrliches Abendessen aufgetischt, endlich gesprochen, und zum Schluß eine Stunde lang am Klavier – getanzt. Um 11 Uhr ging man heim. Wie gefällt's dir?! Dennoch möchte ich trotz alles dieses lieber in Zürich bei dir seyn. – Was mein Logis betrifft, so habe ich ein schönes geräumiges Zimmer, das ein von mir gemiethetes Klavier schmückt. Ich habe die «göttlich»ste Aussicht («die göttliche Geschichtsstunde») auf den See. Vor mir ist der Seeh afen, etwas weiter das nächtens hin und her fahrende Dampfboot, und endlich die ganze Alpenkette, Abends öfters mit dem schönsten rosigen Gewand überzogen. Dennoch vermisse ich Schiffer und eine –. Jetzt genug, theurer Alfred, schreib bald wieder einen so kostbaren Brief, wie der letzte war, grüße mir deine Eltern, deine Schwester, Herrn Schweitzer und etc. Es schreibt dir dieß

Dein treuster Freund

E. F. von Mülinen

«Entfernung trennt die Freundschaft nicht;
Gedenke mein, vergiss mich nicht!!!»

Gibt M. Bodmer18 einen Ball?
Kommt N. Ott19 nach Neuenburg?

Meinen alten blauen Schirm habe ich (dir zum Trost) weggegeben – Kölliker's20 Br. habe ich noch nicht erhalten.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2 Heinrich Rudolf Schinz (1777–1861), Grossrat (ZH), Lehrer der Naturwissenschaften an Gymnasium und Industrieschule Zürich, Rektor der Industrieschule und ausserordentlicher Professor für Zoologie an der Universität Zürich.

3 Christian Sulzberger (1817–1854), von Frauenfeld, Gymnasiast.

4 Johann Ulrich Fäsi (1796–1865), Professor für Griechisch und Latein am Gymnasium Zürich.

5Per jocum (lat.): zum Spass.

6 Heinrich von Orelli (1815–1880), von Zürich, Gymnasiast.

7 Thukydides (um 460–400 v. Chr.), griechischer Historiker.

8 Sophokles (496–406 v. Chr.), griechischer Dichter.

9 Louis Agassiz (1807–1873), Professor für Naturgeschichte am Gymnasium Neuenburg.

10Person nicht ermittelt.

11 Henri Auguste Perret (1797–1865), Professor der Theologie am Gymnasium Neuenburg.

12 Charlotte Perret (Lebensdaten nicht ermittelt), Ehefrau von Henri Auguste Perret.

13 Louise Petitpierre (Lebensdaten nicht ermittelt), Schwester von Charlotte Perret.

14 Georg Theodor Perret (geb. 1834), Sohn von Charlotte und Henri Auguste Perret.

15 Theodor Schulthess (geb. 1818), von Zürich, Schüler. – Schulthess war Mitglied der Sonntagskameradschaft Eschers und von Mülinens. Vgl. Escher, Autobiographie Jakob Escher, S. 184; Alfred Eschers Jugendzeit: Freunde und Bekannte (1831–1843), Absatz 1.

16Person nicht ermittelt.

17Nachträgliche Korrektur, ursprünglich: «Donnerstag» .

18Person nicht ermittelt.

19Person nicht ermittelt.

20 Albert Kölliker (1817–1905), von Zürich, Gymnasiast. – Mitglied der Sektion Zürich des Zofingervereins (1834–1838), ausserordentlicher Professor für Physiologie und vergleichende Anatomie an der Universität Zürich (1844–1847) und ordentlicher Professor für Anatomie an der Universität Würzburg (1847–1902). Vgl. Beringer, Zofingerverein II, S. 544; HLS online, Kölliker Albert.