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Korrespondenz: Alfred Escher – Egbert Friedrich von Mülinen

AES B0117 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#360*

Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, Neuenburg, Sonntag, 27. April 1834

Schlagwörter: Feiern und Anlässe, Gymnasien, Reisen und Ausflüge, Turnen und Sport, Turnfeste

Briefe

Neuenburg, Sonntags den 27sten April 1834.

Liebster Freund!

Seit einiger Zeit zwar erwarte ich täglich einen Brief von dir, da du mir meinen letzten Brief noch zu beantworten hast, allein ich bilde mir ein, und vielleicht richtig, daß du beim neuen Eintritt in die öffentl. Schulen viel zu arbeiten habest , und so ziehe ich meinen kleinen Vorwurf zurück, den du mir hoffentlich verzeihen wirst. Vorerst wirst du es dir wohl erklären können, warum ich dir deutsch, nicht französisch schreibe! Solltest du es nicht wissen, wohlan! so sag' ich dir: ich bin, so gut, wie du, ein erklärter Franzosenfeind, und lerne die franz. Sprache nur durch ihren so weithin herrschenden Gebrauch gezwungen. An einem kleinen Privatball in Bern, der zwischen unter unseren Sontagsleist und unseren Gespielen Statt fand, redete ich selbst mehr deutsch. Uebrigens belustigte ich mich da weit weniger als an den Rüdenbällen in Zürich. Wir hatten auch ein kleines Nachtessen. – Jetzt zur Sache!

Die Reise von Bern hieher ist glücklich von Statten gegangen. Die kleine Bertha trug eben nicht wenig zur Belebung der Gesellschaft der Kutsche bei, indem es öfters die sonderbarsten Gesichter entfaltete. Allhier besuchte ich zuerst meine Verwandten, dann meine Hausgenossen (Perret ), endlich meine neuen Lehrer. Bevor ich zu den Stunden übergehe, ist noch Etwas dir zu sagen. Während ich letzlich hier auf der Straße hin und her spazirte, hörte ich ein Gepfiff. Ich kehre mich um, und, ecce! es ist Mr Fritz Schulthess. Ich ging gleich mit ihm spaziren, eigentlich mehr um Nachrichten von dem Thun und Treiben in Zürich zu haben, als um ihm zu zeigen, wie gerne | ich ihn bei mir habe. Er brachte mir allerlei Nachrichten mit, so auch vom letzten Concert etc. Er war nach Neuenburg (mit s. Vater) gekommen, um seine rothhaarige schöne (?) Schwester Eugenia abzuholen. Genug von ihm; ich gehe auf Mr Kölliker über, der also in Bern lange bei mir war (am Mittagessen etc. ). Von dem Turnfest könnte ich dir wohl erzählen, weil ich demselben die ganze Zeit hindurch zusah, allein ich denke, Köll. werde dir schon erzählt haben, wie es zugegangen sey, wie die Zürcher die Besten gewesen seyen (??). Jetzt endlich zu meinen Stunden, welche letzten Freitag anfingen. In meiner Klasse nun, wo etwa 12, sogenannte étudiants, sind, habe ich Mont., Mittw. und Freitags von 8–9 Latein, und von 9–10 Griech., dann alle Tage, außer Donnerstags, von 10–11 franz. Litterat.; von 11–12 Universalgesch., an welchen Tagen? weiß ich noch nicht recht; und von 2–3 Naturgesch. wann? weiß ich auch noch nicht, Beides verhält sich so, weil ich noch keine Stunden darin gehabt habe. – Vorerst muß ich dir bemerken, daß ich einstweilen, gottlob!, nur Auditor bin, was mich sehr freut. Im Latein lesen wir jetzt im Leben des Agrikola von Tacitus, und im Gr. im 9ten Buch der Iliade, was Beides nicht schwer ist. Lehrer in Beidem ist Herr Pettavel, ein Schüler des 1819 verstorben. berühmt. Hottingers von Zürich. Im Anfang der Stunde list man seine zu Haus gemachte Uebersetzung von demjen., was man in der vorigen Stunde kurz durchgangen, vor, dann excipirt man wieder fort. Da es ziemlich langsam geht, so kommt man (bei nur 6 Stunden Philologie in der Woche) eben nicht gar weit; so hat man nicht viel zu arbeiten; ich habe aber das Schwierige, daß ich das Lat. oder Gr. immer zuerst in Ged. in's Deutsche übersetzen, und erst dann mit Hülfe des deutschfranzös. Wörterb. dasselbe französ. auf's Papier bringen muß. Welche Arbeit für mich als | einen Anfänger! Aber «frisch gewagt ist halb gewonnen» ist sey und ist mein Wahlspruch. Genug von der hier so wenig betriebenen Philologie. Ueber die französische Litterat. (bei Herrn l'Eplattenier) kann ich dir wenig sagen, am wenigsten über die Naturgeschichte (bei dem berühmten Hn Agassiz). Dieß sind die Stunden, die ich im Kollegium besuche. Nun nehme ich noch privatisirend Stunden in der Musik, dann im Reiten, ferner wöchentl. bei Hn Dupasquier 2 Stunden Vorbereitung für die 6 Woch. vor Weihn. eintretende öffentliche Unterweisung (von Vielen bei Hn Droz) auf Weihn. (also lasse ich mich erst auf [Weih...?] konfirmir.); endlich wird mir ein geschickter étudiant, Nam. Borel, Stunden im Franz. & für die Mathem. geben! Das sind alle meine Stunden; das Fechten (bei Hn Dupertuis, [so wie?] Elmer, den ich; grüß. lasse) werde ich später fortfahren. Jetzt lebe wohl, theuerster Freund, grüße und empfehle mich vielmals deinen Eltern und deiner Schwester. Es grüßt dich

E. v. M......

Grüße an deine Mitfechter u. Sonntagskameraden.

Meine Eltern gehen nächsten Freitag von hier fort.

Meine Adresse ist: M. M. E. F. de Mulin., chez Mr Perret, professeur de théologie, à Neuchatel.