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Korrespondenz: Alfred Escher – Egbert Friedrich von Mülinen

AES B0116 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#360*

Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, Bern, Mittwoch, 16. April 1834

Schlagwörter: Berufsleben, Freundschaften, Gymnasien, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien

Briefe

Bern, den 16ten April 1834.

Liebster Alfred!

Ich will nicht länger säumen, deinen Brief, für den ich vielmal danke, zu beantworten.

Eben war ich mit dem Beschauen von Kupferstichen beschäftigt, als mir der Knecht meldete, es sey ein junger Herr aus Zürich draußen. Ich, der seit einer Stunde schon den Mr Kölliker erwartete, flugs hinauseilend treffe ihn richtig an; und gleich ging ich mit ihm spazieren. An der Hausthüre traf ich nun den Briefboten an, der mir deinen Brief (unter Anderen) brachte, und den ich gleich in den Sack steckte, wobei Kölliker lächelte. Nachdem ich mit ihm 1 Stunde spaziert, und er sein Déjeuné à la fourchette mit mir getheilt hatte, ging ich wieder heim, und las deinen Brief, der allerdings, wie du sagst, groß ist. Der welchen ich schreibe, wird nicht so groß seyn. Du schreibst mir nun von den Examen etc. Das muß allerdings strenge gewesen seyn, nach deinem und des Mr Köllikers Berichte. Die 9 ersten meiner Klasse, worunter also Köll., sind ohne Umstände hinübergekommen, die Andern auch, aber unter der Bedingung, daß sie noch Privata machen und Privatstunden nehmen in der Mathematik, was dem Orell nicht lieb seyn wird. Doch K. sagte mir, er (Or.) schaffe jetzt tüchtig. (Ich meinerseits bin glücklich entwischt.) Die 5 letzten bleiben also zurück. Hegetschw. wird auch [kujonniren?], doch tritt er vielleicht jetzt aus der Schule. Die Geschichte mit Herrn Elmer, welchen du mir grüßen | mußt, hat mich wirklich gefreut. Wie viele Verwandtschaften!?! Ich habe dir nun gesagt, daß ich schon nächsten Freitag (mit der ganzen Familie also) nach Neuenburg abreise, allein da – glücklicherweise – Frau Perret ein Kind (gutdeutsch, nicht [zürchernd ?].) geboren hat, so ist die Reise bis auf nächsten Dienstag, den 22sten Apr., aufgehoben. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, leider! In Berlin und schon in Genf werde ich das jus studiren, auf daß ich reif und tüchtig sey zum – Diplomaten! Was sagst du dazu? Es ist übrigens wahrscheinlich, nicht gewiß, daß ich ein Diplomat werde! Daß ich sobald als möglich wieder nach Zürich komme, ist stets mein Trachten; auf nächsten Herbst mußt du aber nicht zu viel rechnen. Hoffentlich werde ich dich nächsten Sommer auf deiner Reise in Bern sehen, indem ich für einen Tag oder 2 dann in die Post nach Bern sitze, um dich dort zu besuchen mit Herrn Schweizer. - Ich schicke dir also das Petitpierre-Wappen für euch 3 Escher, bes. für Martin, wenn er es in seiner Sammlung haben will. Betreffend die Kommission deines Vaters bin ich bei Buchhändl. Jenni gewesen, allein 1. ist die Samml. schon etwas ausgelesen, 2. wenn sie auch vollständig wäre, würde er sie nicht schicken. Da denke ich, ich könne dich dann in Bern zu ihm führen, wo du dann für deinen Vater auslesen können wirst. Die Adresse solltest du mir franz. schreiben, denn das Deutsche versteht man vielleicht dort nicht (meinst's?). Jetzt, lieber Alfred, lebe wohl, grüße mir vielmals deine Eltern und deine Schwester, auch die 2 (oder 3) Wollenhofer-Escher.

Es grüßt dich

Dein treuer

Egbert v. Mülinen.

NB. Entfernung trennt die Freundschaft nicht,
Gedenke mein, vergiß mich nicht.

Gutes Examen.