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Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander Schweizer

AES B0112 | ZBZ Nachl. A. Schweizer XI 26

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 5 | Jung, Aufbruch, S. 63–66

Alfred Escher an Alexander Schweizer, Zürich, Montag, 27. August 1832

Schlagwörter: Familiäres und Persönliches, Feiern und Anlässe, Haus und Garten (Bewirtschaftung), Krankheiten, Privatunterricht, Reisen und Ausflüge, Turnfeste

Zürich. d. 27ten August. 1832.

Mein lieber Herr Schweizer!

Monathe, Wochen und Tage sind vorüber gegangen, seit wir uns schriftlich mit einander unterhielten; ich sage schriftlich, denn im Geiste war ich oft, sehr oft, um Sie, ich dachte mir Sie in ihrem neuen wissenschaftlichen Leben1 und freute mich mit Ihnen der geistigen Genüsse, die Ihnen theils schon bereitet worden sind, theils Ihrer noch warten!

Theils von Hrn. Vögelin2, theils von Martin3 vernahm ich mit großem Bedauern, daß Sie in den ersten Tagen Ihrer Ankunft in Berlin unwohl gewesen seyen; möge letzteres nie mehr der Fall gewesen seyn!

Meine Gesundheit hat sich sehr verbessert, vielleicht auch durch das Baden, das ich sehr häufig vornehme; der gute Hr. Vögelin lernt mich schwimmen. – Wir gehen immer noch, wie früher am Freytag, entweder zum Baden oder Turnen; einige unter uns haben einen großen Eifer für das letztere und sehen mit großen Erwartungen einem kleinen Turnfeste entgegen, das nur unsre Riege Morgens wahrscheinlich feyern wird; wir haben drey Preise für die Besten ausgesetzt, und Hr. Vögeli wird sie nach Gutbefinden austheilen; wie würde es mich freuen, wenn auch Sie an diesem Festchen Theil nehmen und es sehen könnten, ob und wie weit Ihre ehemahligen Turnschüler vorgerückt seyen. – Hr. Vögeli, der mir durch sein freundliches und gefälliges Benehmen sehr lieb geworden ist, hat Ihnen wahrscheinlich schon über meine wissenschaftlichen Leistungen in seinem Fache geschrieben;4 bey Herrn Horner, der Sie freundlich grüßt, habe ich einen zweyten Curs der Geometrie angefangen; ich bin jetzt eben beym Flächeninhalt der Figuren. In der Arithmetik habe ich die Decimal-Brüche beendigt; mit meinem Curse in der Physischen Geographie bin ich bald fertig. Bey Hrn. Sal. Vögeli, der Sie ebenfalls grüßt, werde ich im Griechischen bey Kurzem mit den Verbis auf μ beschäftigt seyn; ich habe in dem ersten Bande von Jacobs5 zu übersetzen angefangen. Im Lateinischen übersetze ich Stücke aus Cicero6. Mit der Geschichte beschäftige ich mich immer | einen Tag in jeder Woche.

Während meinen Ferien habe ich mit Hrn. Schweizer in Bubikon, der mir seine freundlichsten Grüße an Sie aufgetragen hat u. nun mit dem Bau einer neuen Kirche beschäftigt ist, eine kleine Reise gemacht; wir waren von Bubikon aus nach Rappersweil u. über den Ezel nach Einsiedeln gegangen, wo man sich über die geringe Anzahl von Pilgern sehr beschwert; von Einsiedeln machten wir den sehr mühsamen Weg das Alpthal auf über die Mythen; durch die herrliche Fernsicht, die man auf demselben genießt, wird man reichlich für alles Ermüdende entschädigt; dann ging's nach Schwyz, dessen Lage freundlicher ist, als seine Bauart; von Schwyz auf lieblichem Wege nach Brunnen; v. hier über den See nach Fiznau u. dann bey großer Hitze auf den Rigikulm; der Himmel war nur in die Berge heiter; wir sahen daher wenig vom Aufgang und Untergange der Sonne. Wir traten nun den schattigen Weg nach Weggis u. Luzern an; dort verweilten wir einen Tag lang, um alles Merkwürdige und Sehenswerthe zu betrachten. Von Luzern gingen wir nach Winkel und bey ziemlich stürmischem See fuhren wir im Schiffe nach Stansstaad u. begaben uns dann sofort nach Stanz, dessen Lage und Umgebung sehr gefällig und mahlerisch ist; dann traten wir den Weg durch das herrliche Engelbergerthal an; wir bedauerten es sehr, daß der Tag trübe war; am folgenden Tage hellte sich aber der Himmel auf und beym herrlichsten Wetter machten wir den Weg über die Surenen nach Altorf. Wie erhaben stellen sich die ungeheuren Eisgebirge und unter diesen besonders der herrliche Titlis dem erstaunten Auge dar; nur mit Widerwillen vernimmt man die Stimme des an diese Ansicht gewohnten Führers der zum Weitergehen mahnet. In Altorf schien mir großer Aberglaube und unbedingte Ergebenheit an die katholische Religion zu herrschen! Wir gingen nun nach Flüelen, besuchten zu Schiff Tells Capelle u. fuhren dann nach Brunnen; von dort gingen wir vom Regen begleitet nach Seewen, einem wegen seiner ziemlichen Lage am Lowerzer-See, ¼ Stunde v. Schwyz, bekannten und sehr besuchten Bade. Von dort gingen wir nach Steinen, Sattel, Morgarten, Ägeri, Gubel, Menzingen, Sihlbrugg, Horgeregg u. Zürich. Auf der Horgeregg ist für die geringe Höhe die Aussicht sehr ausgedehnt; man sieht den ganzen Zürich-See, den Ägeri- Zuger-, ja einen Theil des VierwaldstädterSees. Wir hatten auf dem ganzen Reischen mit einigen Ausnahmen recht ordentliches Wetter. Doch immer, wenn ich noch so herrliche Naturschönheiten u. noch so prächtige Puncte gesehen habe, finde ich Zürichs freundliche Lage an dem lieblichen See immer die schönste und immer habe ich mit einem gewissen Stolze seine Lage mit andern verglichen! |

Heute ist in Zürich Knabenschießen; ich schieße nicht, sondern benutze die Zeit, die ich zu jenem angewandt hätte dazu, mich mit Ihnen zu unterhalten. Es ist ziemlich schön Wetter, was mich für die Schießenden freut. –

Die Trauben, die Feldfrüchte, alles ist sehr schön und verspricht einen äußerst günstigen Jahrgang; man hatte schon befürchtet, es werde wegen des sehr lange anhaltenden schönen Wetters Alles versengt werden; ein herrlich erquickender Regen hat Alles wieder erfrischt. – Das einzige Naturproduct, das sehr theuer geworden ist, ist das Heu für das Vieh; das Emd fiel nähmlich dieses Jahr außerordentlich karg aus; um Ihnen ein Beyspiel davon zu geben will ich Ihnen nur unsern Ertrag anführen; wir erhielten 25 Cntr. und dagegen andere Jahre 120 Ctnr!

Ich bin sehr begierig, Nachrichten von Ihnen zu erhalten; sowohl in Hinsicht Ihrer Gesundheit als auch, um Ihre Pläne zu vernehmen, die Sie vielleicht für die Zukunft gefaßt haben. Werden Sie auch nach Jena gehen?

Meine lieben Eltern emphehlen sich Ihnen bestens. Mamma ist immer mehr und minder unwohl. Der Verlurst Ihres theuern Papa's7 hat ihr sehr wehe gethan; Papa ist immer gesund u. beschäftigt sich mit großem Eifer mit Verschönerung unsers Landgutes und neuen zweckmäßigen Einrichtungen auf demselben.8 – Herr Heer ist seit fünf Wochen auf den Alpen, um Beobachtungen vorzunehmen, Käfer und Pflanzen zu suchen und um sich zu erhohlen. Er wird etwa in einer Woche wieder zurück kehren.

In der erfreulichen Hoffnung, baldige günstige Nachrichten von Ihnen, mein theurer Herr Schweizer zu erhalten, bin ich Ihr treu ergebener Schüler

Alfred Escher.

Kommentareinträge

1Nach seiner 1831 erfolgten Ordination in Zürich setzte Schweizer sein Theologiestudium in Berlin fort, wo er von Friedrich Schleiermacher und dessen Vermittlungstheologie wesentlich beeinflusst wurde. Vgl. Schweizer, Aufzeichnungen, S. 30–46; Campi/Kunz/Moser, Schweizer; Baumgartner, Netz, S. 19–21, 85–144.

2 Hans Heinrich Vögeli (1810–1874), von Zürich, Theologiestudent. – Vögeli war nach Schweizers Abreise Eschers Turnlehrer. Vgl. Jung, Aufbruch, S. 63.

3 Martin Escher (vom Glas) (1819–1844), von Zürich, Schüler; Bruder Jakob Eschers.

4In seinen Briefen an Schweizer in Berlin informierte Vögeli diesen unter anderem über seine Erfahrungen mit den Jugendlichen, deren Unterricht er übernommen hatte, und über die von ihm geleitete Turngesellschaft. Er lobte Eschers Leistungen und Kenntnisse im Religionsfach, äusserte sich aber zwiespältig über dessen Charakter: «Mit Alfred bin ich in Kenntniß seines Characters u. innersten Seyns noch um keinen Schritt weiter; es dünkt mich, bey anscheinender Offenheit sey er im Grunde verschlossen.» Vögeli schrieb Escher «Eitelkeit» und «Haschen nach dem nicht Verdienten» zu, attestierte ihm aber zugleich hervorragende Anlagen und «aufwallende (manchmahl ritterlich hochherzige) Empfindungen» . Brief Hans Heinrich Vögeli an Alexander Schweizer, 16. April 1832 (ZBZ NL A. Schweizer); Brief Hans Heinrich Vögeli an Alexander Schweizer, 27. Oktober 1832 (ZBZ NL A. Schweizer). Vgl. Brief Hans Heinrich Vögeli an Alexander Schweizer, 25. Juni 1832 (ZBZ NL A. Schweizer); Brief Hans Heinrich Vögeli an Alexander Schweizer, 16. Dezember 1832 (ZBZ NL A. Schweizer).

5 Friedrich Jacobs (1764–1847), Oberbibliothekar und Direktor des Münzkabinetts in Gotha; Verfasser zahlreicher philologischer Werke.

6 Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.), römischer Staatsmann und Redner.

7 Daniel Hermann Zollikofer (1754–1832), verstorbener Alt-Gerichtsherr im Hard bei Ermatingen. – Lydia Escher-Zollikofers Vater war 1821, nach dem Verkauf von Schloss Hard, nach Zürich in den «Neuberg» gezogen. Vgl. Mayer, Schloss Hard, S. 39; Heer, Escher-Zollikofer, S. 222–223.

8 Vgl. Heer, Escher-Zollikofer, S. 230–232; Jung, Aufbruch, S. 50.