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Korrespondenz: Alfred Escher – Ludwig Eckardt
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  • von Ludwig Eckardt, 19. Oktober 1854 Schlagwörter: Bewerbungen/Empfehlungen/Referenzen, Eidgenössisches Polytechnikum, Universitäre Studien AES B0090
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AES B0090 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#179*

Ludwig Eckardt an Alfred Escher, Bern, Donnerstag, 19. Oktober [ 1854 ]

Schlagwörter: Bewerbungen/Empfehlungen/Referenzen, Eidgenössisches Polytechnikum, Universitäre Studien

Briefe

Bern; 19. Okt.

Herr Präsident!

Ich ersuche Sie, mich in die Zahl der Bewerber um die Lehrstelle der

«Deutschen Litteratur»

am neu zu errichtenden eidgenössischen Polytechnikum aufzunehmen. Da ich die, dasselbe betreffenden Debatten im National- und Ständerath vollständig gehört habe, so glaube ich die Tragweite des Instituts und den Geist, aus dem es geboren wurde, und der es durchwehen soll, zu kennen. Mich zöge vorzugsweise der Umstand an, daß es sich hier um eine frische lebenskräftige Schöpfung handelt, welche Leben und Wissenschaft vermitteln, jenes durch diese erhöhen, in Aufschwung bringen, – diese durch Rücksichtnahme auf jenes fruchtbarer machen will. Zumal verehre ich den Sinn der Stifter in dem Beschlusse, den rein technischen Fächern die litterarischen an die Seite zu stellen. Nicht nur werden dadurch jene selbst gefördert, – die Münchner-Ausstellung zeigte den wohlthätigen Einfluß des Beginns einer allgemeineren ästhetischen Bildung auf die Industrie – sondern es wird einem krassen Materialismus gewehrt, eine harmonische Bildung angestrebt. Philosophische und ästhetische Kultur ist jetzt nicht mehr das Monopol einer Kaste; die Idee der Gleichheit, die Tag für Tag ihren un bemerkten, aber um so gewichtigeren Fortschritt macht, realisirt sich zu nächst dadurch, daß sie Allen die Gelegenheit einer harmonischen Entwicklung der Kräfte möglich macht. Wie der Metaphysiker, Philolog, Theolog und Jurist nicht mehr wie früher die Naturwissenschaften ignoriren kann, – so kann sich auch der Mann der Industrie und des Handels ideelleren Studien nicht länger entziehen.

Von diesem Standpunkt fasse ich die nicht blos beiläufige, sondern wichtige Stellung des Lehrstuhls auf, um den ich mich bewerbe.

Ich unterstütze mein Gesuch durch folgende Beilagen:
a. Das Doktordiplom der philosophischen Fakultät der Hochschule Zürich, das mir von einem Collegium der unabhängigsten und gelehrtesten Männer für meine Schrift über Goethes Tasso («ob librum doctissime elegantissime subtiliter scriptum») einstimmig zuerkannt wurde;
b. ein Gutachten der philosophischen Fakultät der Hochschule Bern, unter zeichnet vom Hrn. Dekan B. Studer, einem verehrten Mitgliede des | eidgenössischen Schulraths, worin mich dieselbe nach gehörten Vorträgen und gründlicher Prüfung einer Abhandlung zum Dozenten empfiehlt, wie denn dieselbe auch in jüngster Zeit mein Gesuch um Aufnahme in die Reihe der besoldeten Dozenten einstimmig bevorwortete;
c. ein Verzeichniß meiner in Bern seit 10 Semestern gehaltenen Vor träge, die sich stets eines mit Rücksicht auf das Nichtobligatorischsein des Faches wie den Ort nicht unbedeutenden Besuches zu erfreuen hatten. Ich weiß, daß Kollegien meines Faches auch in Zürich und Basel nicht stärker besucht worden sind als meine, und darf mit Befriedigung hinzufügen, daß bisher noch alle Kollegien, die ich angekündigt habe, zu Stande gekommen sind. (Auf Ferienausflügen habe ich auch größere Kurse in Solothurn, Burgdorf, Biel u. s. w. gelesen und ästhetische Bildungskeime in weitere Kreise mit Erfolg zu bringen gesucht).
d. Litterarische Arbeiten: 1.«Vorlesungen über Goethes Tasso» bevorwortet von Prof. Troxler 2. «Schillers Geistesgang» 3. «Über Shakspears Hamlet.» Sie sollen die Befähigung beurkunden, den Geist schwieriger Dichter und Dichtungen zu entwickeln.
e. Kritiken, welche diese drei Werkchen betreffen, den außer ordentlich günstigen Erfolg derselben belegen und darin – ich kann ohne Unbescheidenheit auf die Thatsache hinweisen – übereinstimmen, daß sie die genannten Arbeiten zu den besten auf diesem Gebiete zählen. Es liegen – so viel ich zu Stande bringen konnte, Noten von kompetenten Männern vor wie Prof. Kurz in Aarau, Prof. Düntzer in Köln, Prof. Carriere in München, Prof. Henne in Bern, Prof. Wakernagel in Basel, Prof. Reichlin-Meldegg in Heidelberg, Dr. Schubart in Weimar, Hoffmann in Hamburg, Prutz und Gieseke in Leipzig, Varnhagen van Ense in Berlin u. s. w. , – Namen, denen ich wol nichts hinzuzufügen brauche.

Ich bin allerdings nicht in der Schweiz geboren, aber wenn ein fünfjähriges unausgesetztes, mehr als touristenartig oberflächliches Studium des Landes, wenn eine aufrichtige Liebe zu dem einfachbiedern, allem Flittertande abholden, das alte Deutschthum und die alte Sprache treu (treuer als Deutschland) bewahrendem Volke, wenn die Achtung vor dem republikanischen Prinzipe als dem Ideale aller Staatsbildung Einen | zum Schweizer machen können, dann darf ich mich als nationalisirt, als geistig eingeboren ansehen. Ich könnte hier einige prosaische und poetische Auf sätze beilegen, in denen ich meine Gefühle für die neue zweite Heimat auszu sprechen gesucht habe, wenn ich nicht fürchten müßte, in den Verdacht zu kommen, ich spekulirte mit meinen Gefühlen. Dagegen darf ich mich aber auf ein Mitglied des eidg. Schulraths, Hrn. Prof. Studer berufen, und er wird mir nicht das Zeugniß versagen, meine Gesinnung für die Schweiz ist eine loyale. Und noch jetzt bin ich stolz darauf, daß eine von mir veranstaltete öffentliche Vorlesung, wenn ich nicht irre, das Erste war, was in Bern zu Gunsten der Nationalsubscription versucht wurde.

Ich schließe hier mein politisches und philosophisches Glaubensbekenntniß an. Ich will ein menschheitswürdiges Dasein der Menschheit, allgemeine Bildungsmöglichkeit, Zustände, die den Menschen nicht seiner angebornen Selbststän digkeit berauben. Um dieses Ideal der Humanität anzubahnen, will ich die Freiheit. Daher bekenne ich mich zu demokratischen Grundsätzen (– eine falsche Demokratie, welche nichts von Bildung durch Kunst, Wissenschaft und Religion wollte, würde ich bekämpfen –) daher stand ich in der Wiener-Bewegung mit in der ersten Reihe und bin noch heute stolz darauf. In philosophischer Beziehung bin ich frei von den Fesseln der Schulen, gehöre einer selbstständigen Richtung an und sehe etwa Carriere, Fichte d. j. , Chalybäus, Wirth auf demselben Wege. Wir bekämpfen den Ultramontanismus wie einen unfruchtbaren, zum Nichts führenden Pantheismus und ringen nach einem Theismus, der die einseitige Transscendenz des veralteten Deismus wie die einseitige Immanenz des Pantheismus zu überwinden sucht. Diese Richtung versöhnt die Religion mit der Philosophie, strebt die Ethisirung der Kirche und die Huma nisirung des Staates an.

Herr Präsident! Ich zähle jetzt 27 Jahre, bin noch jung genug, um zu fühlen den Herzschlag in der Brust des Jünglings, – habe aber frühe in nächsten und weiteren Kreisen so manche Erfahrungen gemacht, so manche Hoffnungen verblaßen gesehen, daß ich in dieser Beziehung wieder älter bin als mein Taufschein. Ich kenne daher nichts Schöneres für mein Streben und Wesen, als Führer der Jugend zu sein, einmal mit allem Ernste sie zu berathen und dann wieder mit jugendli cher Glut Feuerflocken des Schönen und Wahren in ihre Seele zu werfen! So denkend, faßte ich den Entschluß, mich um die bewußte Stelle zu bewerben. Näher ist der Wirkungskreis derselben nicht bezeichnet; ich denke mir ihn etwa so, daß er Vorträge umfaßt:
1. Geschichte der d. Litt. z. B. des 18. Jahrhunderts.
2. Entwicklung eines Dichterlebens z. B. Schillers.
3. Entwicklung einer Dichtung z. B. Faust.

Bei Vorträgen der 2. Art wird detaillirter als bei denen der 1., bei| denen der 3. wieder detaillirter als bei der 2. eingetreten. Vielleicht wäre auch eine Gelegenheit zu stylistischen und deklamatorischen Vorträgen willkommen.

Für den Fall, daß die Wahl mich treffen sollte, so bitte ich um die Bewilli gung, auch über Ästhetik lesen zu können, die z. B. im Karlsruher Polytechnikum als besonderes Unterrichtsfach angegeben ist. Die Ästhetik ist mein Lieblingsstudium und ihre Aufnahme in den Lektionskatalog sollte dem verehrten Schulrath nur ange nehm sein.

Da ich von der Ansicht ausgehe, daß es für höhere Unterrichtsanstalten nur höchst förderlich ist, wenn ihre Lehrer litterarisch thätig sind, so füge ich noch bei, daß 1. in nächster Zeit eine ästhetische Schrift im Drucke erscheint, – 2. Hr. Buchhändler Hoch hausen in Jena, der «Erläuterungen zu deutschen Klassikern» herausgibt und jeden Klassiker einem besondern Tutor z. B. Goethe dem Hrn. Prof. Düntzer übertrug, mir den Kommentar zu Schiller (15 Bändchen) anvertraute 3. daß ich schon seit längerer Zeit mit einer Litteraturgeschichte der Schweiz beschäftigt bin, von der als Probe eine Novelle: «Julie Bondeli» bereits erschienen ist und eine Biographie Haller's zu Ostern erscheinen wird.

Indem ich für den Fall der Wahl eine rege litterarische Thätigkeit, die auf eigenen Studien beruhen muß und daher dem Lehrstuhl zu Gute kommt, eine treue Pflichterfüllung im Lehramt und ein fortgesetztes Streben, überall, wo ich kann, für ästhetische Bildung zu arbeiten (ich habe es in Bern gewiß treulich gethan) zusage, bitte ich Sie, die Beilagen eines Blickes zu würdigen.

Mit Hochschätzung

Dr Eckhardt
Dozent der Ästhetik, Kunst- und Litteratur geschichte an der Hochschule Bern.

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