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Korrespondenz: Alfred Escher – Egbert Friedrich von Mülinen

AES B0086 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#360*

Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, Neuenburg, Mittwoch, 18. Juni 1834

Schlagwörter: Freundschaften, Gymnasien, Reisen und Ausflüge, Turnen und Sport

Briefe

Neuchatel , den 18ten Juni
1834.

Liebster Freund!

Wie kommt's denn, daß du mir nie schreibst, oder hast du denn die schuldige Antwort der dir schon längst übersandten Epistel aus dem Gedächtniß weggewischt! Ich hoffe es nicht, sondern ich denke vielmehr, du seyest zu viel mit Geschäften betreffend die Schule überladen. Diese meine Gedanken finde ich auch bestätigt durch die heut erhaltene Epistel Vetter Fritze's, worin er mir unter anderem auch sagt, «seine Klasse sei nicht ausgezeichnet mit Ausnahme Einiger, unter denen auch du seyest. Du habest aber einige Mühe zum Studium». Aber mit deinem Fleiß und Verstand wirst du Alles überwinden, also fehlt dir nur die göttliche memoria. «Frisch gewagt ist halb gewonnen!» sey auch dein Wahlspruch, wie es auch der meinige ist, wenigstens in einigen Stücken ! Ja die göttliche Geschichte ist etwas Herrliches! Weil wir doch dabei sind, so frag' ich dich, ob du denn schon deinen Aufsatz über die Mord nacht von Zürich dem Drucke überliefert? Ist es der Fall, so schicke mir per occasion nem Okkasationsecken, Bataillonsecken, etc. auch ein Exemplar (????). Jetzt Spaß bei Seite!

Ich will dir nun Einiges von meinem Leben und Treiben allhier erzählen; das Hauptfaktum ist aber, daß ich gräßlich Langeweile habe und nicht den Zeitpunkt abwarten kann, wo ich für einige Zeit aus diesem Nest herauswinde. Ja, Zürich | ist ein wahres Paradies gegen Neuenburg, aber auch sonst ein Paradies!! Neuen burg ist, glaub' ich, allen Fremden langweilig. In politischer Hinsicht steht's wun derbar. Man will nicht Schweizer seyn, aber auch nicht ganz Preuße, sondern allein für sich, aber unter preußischem Schutze. Aber wenn man von Preußen abhängt, so sollte man mehr an das deutsche Wesen denken. Allein davon weiß man in dieser Einsamkeit Nichts, nein da parlirt man französisch (aber man hat so einen gewissen patuanischen ([...?]Patoie)akkent)), man hat franzö sische Sitten, Gebräuche, kurz das fr. Leben. Also ist man nur nicht zu Frankr. gehörend. Welches Gemisch! Schweizer! Preuße! Franzose! Weil nun Neuenburg so ganz für sich ist, und weil es verdammt viele Millionäre in diesem Neste gibt, so sind die jungen Neuenburger galans über alle Maßen stolz, und betrachten die Fremden von oben herab. Mir ist man nicht wohlan, weil ich in allem ein Deutscher bin! Ich habe immer zu kämpfen, aber meine Beharrlichkeit kennst du aus Erfahrung, wenn du an meine mit dir zuletzt in Zürich zugebrachten Zeiten dich erinnerst. So siehst du wohl, daß ich mich hier eben nicht beliebt mache. Ich habe wohl viele Kameraden, aber keine Freunde! Meine einzigen Fr. sind 3 Berner all hier und ein wenig Hans Bodmer, den ich tagtäglich seit einiger Zeit sehe und spreche. Wie er mir gesagt, so soll er Ende Julis nach Zürich kommen. Er scheint mir recht artig zu seyn, und nicht mehr der alte Débauché wie weiland in Zürich. Ich möchte ihn schon gerne nach Zürich begleiten, wenn ich könnte oder vielleicht dürfte. |

Auf jeden Fall gehe ich in meinen Ferien, die über 6 Wochen dauern, nach Bern, und zwar in einigen Tagen, denn die Ferien fangen den 1sten Juli an (und dauern bis Mitte August, welche göttliche Zeit). Nun ist die Absicht meiner Eltern, nach St Aubin im Neuchatelischen zu kommen, wenn ich 15 Tage in B. zugebracht habe. Allein ich werde mein Möglichstes machen, sie davon abzuhalten, ist dieß nicht der Fall, dich in Zürich in deinen Vakanzen abzuholen, und dann ein tüchtiges und lustiges Fußreischen zu machen. Uebrigens, wie V[etter?] Fritz mir in sein. heutig. Briefe schreibt, so haben er und Georg eine [...?] nach Bern und ins Berneroberl. einstweil. unter sich ausgemacht. Wenn alle meine Freunde ([??]) von Zürich nach Bern etc. ausfliegen, so werde ich kaum nach erster. Orte mich begeben, sondern dann erwarte ich in Bern dich etc., und dann machen wir zus. ein Reischen in's Oberland, mögen dann meine Eltern in das verdammte St Aubin gehen oder nicht. – So siehst du denn, daß ich ein rechter Schweizer bin, somit deinen Wünschen auf's beßte entspreche. Ach, woher kommt all mein Schimpfen über Neuenburg? Bes. daher, daß ich gezwungen ward, dahin zu kommen, und woher dies. Zwang? Durch den Wunsch meiner Stiefmutter, einer Neuenburgerin , hauptsächlich, die ich, obgleich sie seit 8 Jahren meine Stiefmt ist, in Gottes Namen noch nicht recht kenne. (Ha du bist in dem Stück glücklich gegen mich)! Jetzt Schimpf bei Seite, und laß mich zum 3ten Stücke, meinem Thun und Treiben übergehen. – Eigentliche Beschäftigung geben mir nur (vide pag. 1 ins quere geschr.) | die Privatstunden, denn gegenwärtig sind die Examen, an denen ich, Auditor, nicht Theil nehmen muß und es auch nicht thue. In den Examen wird ein Jeder, wie ich's gehört, in jed. Fache exami nirt und öfters eine gute Viertelstunde. So dauert denn das Examen eines einzigen Faches einen ganzen halben Tag, und so das vollständige Examen 3–5 Tage. So hatte ich denn 3–5 Tage keine Stunden für's Kollegium, und diese freie Zeit benützte ich noch mehr zu meinen Privat stunden, d. h. zum Religionsunterricht, zum Französischen, zur Mathematik und ganz vorzüglich zur Musik. Da übe ich mich viel: außerdem sammle ich viele Tänze, Märsche etc., trage sie alle in ein Buch zusammen, und wenn ich nach Zürich komme, will ich dir dann einen ganzen Haufen lustiger Musik herspielen. Weil wir doch bei der Musik sind, so frag' ich dich, ob ihr jetzt den Wienerflügel von Graf erhalten habt? Ist die [türkische] Musik dabei (man nimmt eine Pedale)? Abends besonders bin ich an meinem Klavier, um mich dadurch von meinen schmerzlichen Gedanken wegen Zürich etc. zu zerstreuen. So ergötze ich alle Vorübergehenden, derer Viele sind, da ich nahe an der großen Pro menade bin. Die letzte Stunde, die ich noch nicht aufgezählt, ist das Reiten, was die göttlichste aller Lei besübungen ist, denn ich ziehe es noch dem Baden vor (badest du viel? ich nur erst 2mal in hies. See). Wenn man dann auf seinem Gaul wie ein Gott daher sprengt, und Alles von sich aus auf die Seite weichen sieht, ist das nicht herrlich? Aber glaub' mir, die Hauptsache ist eigentl., wenn man Reitstunden nimmt, nicht, zu ver hindern zu Boden zu fallen, sondern daß man mit Eleganz reite, einen schönen Sitz habe, und das Pferd recht gut zu führen wisse. Allein dieß Alles erfordert viel Uebung und viel Zeit. Im Französischen treibe ich tüchtig die Grammatik, übersetze jetzt Schiller's «der Neffe als Onkel» in's Französische, was sehr amüsant ist, und mache auch, aber selten, franz. Aufsätze. Dieß über meine Lektionen! |

Jetzt und endlich über Sonstiges. – Ich bin ziemlich jetzt an meine neue Behausung gewohnt; meine Hausgenossen hab' ich dir also schon beschrieben. Häufig empfange ich Briefe, sowohl von Bern als von Zürich. So erhielt ich auch von Fr. Orell einen Brief, und ich habe ihm auf franz. geantwortet u. darin auch gesagt, er solle u. A. Köllik. den Brief mittheilen. In der Voraussetzung, daß er's ge than habe, wie er es auch muß, habe ich dir nichts Neues in Bezug auf Lustbarkeiten zu schreiben. Dann und wann komme ich auch mit Jungfern (unsers Alters) zu reden; ich war auch in einem Konzert. Mein Oheim von Wesdehlen (?) ladet mich öfters zum Mittagsessen ein. In 2 Wochen wird Er wahrsch. wieder auf die Tagsatz. nach Zürich kommen. – Jetzt lebe wohl, theuerster Freund, vergib mir dieß Gesudel. Antworte mir sobald als möglich (auch wenn es etw. Neues in der Politik gibt), grüße mir vielmal 1. deine Eltern, deine Schwester u. Herrn Schweizer; 3. A. Köll., G. Orell, die Escheriden die and. Kamer. u. meine 2 Vett. Wyß, sage Vett. Fritz, ich werde ihm bald seinen tüchtigen Brief beant worten, für den ich ihm vielmal danke, und vergiß nicht deinen treuesten Freund E. F. von Mülinen.