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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Gustav Stocker

AES B0065 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#476*

Johann Gustav Stocker an Alfred Escher, s.l., [ 1867 ?]

Schlagwörter: Eidgenössischer Schulrat, Presse (allgemein)

Briefe

Mein hochverehrter Freund!

Erlaube mir dem amtlichen Schreiben noch ein vertrauliches beizulegen & dir für die vorgestrigen Zeilen recht herzlich zu danken. Es war mir, als wolltest du mir durch den Gebrauch der 3 Worte: «Mein lieber Freund» eine Art Trost zukommen lassen. Natürlich war die Einladung an Hr. Schenk schon besorgt. Du hast schon gesehen, daß ich gegenwärtig etwas schwarz sehe & da meine nervöse Natur ohnedieß diesen Frühling einer kleinen Kur und Erholung bedürftig war, so wird bei fortgesetzter Arbeit, schlechtem Wetter & der Unruhe & Verlegenheit nach allen Seiten meine Anschauung der Verhältnisse & mein Blick in die Zukunft nicht heiterer.

Die durch ein blindes Nachdrucken verbreiteten perfiden Insinuationen von Walder haben mich gezwungen, auch mit meinem wahr & objektiv gehaltenen Berichte vor die Oeffentlichkeit zu treten. (Bürklizeitung) Ich habe mir die Frage vorgelegt, ob | dem Schulrathe durch eine angebotene & anzunehmende Entlassung von meiner Seite wenigstens für den Moment eine Art Ausweg aus den verwirrten Zuständen geboten werden könnte. Mit andern Worten: Ich habe mich gefragt, ob nicht durch meine Entlassung, ein mildes Strafen der abgefaßten Schüler, einige Maßregeln gegen Stadt- & Kantonalpolizeiangestellte für den Moment heiteres Wetter gemacht werden könnte. Gerne wollte ich Sündenbock sein, wenn das Mittel als wirksam erscheint. Gerne würde ich meine 12jährige Wirksam keit als Sekretär dem Mißurtheil der öffentlichen Meinung Preis geben, wenn dieß die Wirkung haben könnte, tiefere Differenzen wenn auch nur vorübergehend zuzudecken & Zeit zu einer rationellern & gründlichen Lösung zu geben. Du bist der einzige Mann, der Rath schaffen kann. Dein Rath würde mir Befehl sein, dem ich ohne Murren nachkäme. Dir zu Liebe würde ich so tief man will in`s eigene | Fleisch schneiden! Überlege & dann sprich unverholen.

Ich habe gestern mit Direktor Zeuner noch eine tief auf die Sachlage nach Oben eingehende konfidentielle Unterredung gehabt. Er theilt meine Anschauungen. Leider ist auch er eine so nervös angelegte Natur, daß mit der wachsenden Einsicht auch die Unlust an seiner Stellung zunimmt. Natürlich wird er dessenungeachtet gegenwärtig nichts thun, das die Leitung der Anstalt steuerlos lassen würde. –

Genug hievon.

Vor Allem schone dich & wahre deine Gesundheit.

Hast du mir mündliche Weisungen oder Fragen zu stellen, so bin ich jedem Rufe folgsam. Auch werde ich ohne spezielle Einladung abendlich mich nach deinem Befinden erkundigen ohne einzutreten & dann allfällige Aufträge in Empfang nehmen.

Von Herzen dein ergebenster & dir volle Ruhe & Genesung wünschender

Stocker

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Datierung gemäss Briefkontext.

Kontexte

  • [ 1867 ?]