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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Rüttimann

AES B0059 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#422*

In: Jung, Aufbruch, S. 489 (auszugsweise)

Johann Jakob Rüttimann an Alfred Escher, s.l., Donnerstag, s.d.

Schlagwörter: Eisenbahnen Fusionen, Rothschild (Bankhaus), Schweizerische Centralbahn (SCB), Schweizerische Südostbahn (SOB), St. Gallisch-Appenzellische Eisenbahn (SGAE)

Briefe

Lieber Freund.

Unsere Briefe haben sich gekreuzt. Die Fragen, die Du mir vorlegst, sind sehr delicater Natur.

A. 1. Nach meinem Dafürhalten könnte vom Standpunkte unsers Wuchergesetzes aus der Vertrag dem H. v. R. vor die Füße geworfen werden. Aber zugleich glaube ich, eine Gesellschaft, wie die unserige, darf sich auf diesen Standpunkt nicht stellen. Ihre eigene Ehre würde darunter leiden; noch mehr: der Credit aller schweizerischen Unternehmungen würde im Auslande einen Herzstoß erleiden.

2. Ich habe den Wortlaut des Vertrags nicht mehr vor Augen & kann deßhalb schwer urtheilen. Wenn ich mich recht erinnere, so würde der Wortlaut des Vertrags einer Fusion, die erst von Ende Merz 1857 an wirksam wäre, nicht im Wege stehen; wohl aber der saubere Geist | des Machwerks. Die Meinung ist offenbar: Die Gesellschaft soll während des fraglichen Jahres unbedingt von der Gnade ihres Schutzherren leben. Wie weit nun hier die Ritterlichkeit im Halten des gegebenen Versprechens getrieben werden muß, ist schwer zu sagen. Immerhin darf man nicht vergessen, daß der Herr Baron, wenn man ihn böse macht, ziemlich den Teufel spielen kann.

3. Über die Punktationen mit der Centralbahn habe ich Dir schon geschrieben. (Was würden wohl die bei der Centralbahn betheiligten Regierungen & der Bund dazu sagen? Wie würde sich das Rückkaufsrecht gestalten?)

Herr Äppli kann es nicht begreifen, daß wir nicht mit beiden Händen zu greifen. Wir sollen von Kleinigkeiten abstrahiren; wir sollen an die große europäische Zukunft der Südostbahn denken; wir | sollen unsere Vorurtheile über die angeblich niedrige Rentabilität der St. Galler Bahn abstreifen; wir sollen die politische Stellung erwägen, die Zürich durch die Fusion erhalte & durch Isolirung verliere etc. etc. Das Studium des Rothschildschen Vertrags & das Verfahren, das gestützt auf den selben in Paris inne gehalten wird, hatte meine Galle erregt & ich antwortete mit mehr Leidenschaft als nöthig war. Seither, sprechen wir über andere Dinge.

Ich gestehe offen, daß ich in dieser Sache nicht ganz unbefangen bin. Die genaue Kenntniß des Geschehenen hat mich wirklich in eine gereizte Stimmung versetzt. Dann mag mir der großartige Blick, mit dem man solche Combinationen auf fassen muß abgehen. Ich fühle mich wirklich mit Blindheit geschlagen.

Ich bedaure, Dir nicht bessern Rath geben zu können. Hoffentlich findest Du ihn anderswo.

Von Herzen Dein

J Rüttimann

Am Donnerstag Abend hoffentlich wieder in Zürich

Kontexte

  • s.d.