Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Rüttimann

AES B0056 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#422*

Johann Jakob Rüttimann an Alfred Escher, s.l., s.d.

Schlagwörter: Bankinstitute, Bankwesen (allgemein), Bundesrat, Eidgenössische Bank, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Handelskammer ZH, Liberale Presse, Regierungsrat ZH, Schweizerische Kreditanstalt (SKA), Vereinigte Bundesversammlung

Briefe

Schweizerische Kreditanstalt.
Société de Crédit Suisse.
ZÜRICH .

Mein l. Freund.

Nach mündlichen Mittheilungen des H. Koller (Winterthurer Zeitung) scheint es mir, daß man in Bern über die Schwierigkeit der gegenwärtigen Finanzlage nicht hinreichend unterrichtet ist. Hier in Zürich betrachtet man dieselbe als sehr ernst. Leonhard Pestalotzi hat seine Zahlungen eingestellt. Die Volksbank (im Vertrauen gesagt) hat gestern ihre Billets auch nicht bezahlen können. Herr Ott-Trümpler hat heute mit uns Rücksprache genommen. Er glaubt, daß ein Moratorium nothwendig werden könnte, wünscht, daß der Finanz Direktor die Handelskammer einberufe, um diese Frage zu berathen. Es frägt sich aber, ob die Regierung zu einer solchen Maßregel befugt sei; ja sogar ob der Kantonsrath nicht einen dießfälligen Beschluß dem Referendum unterstellen müßte.

Der Nothstand findet sich übrigens gewiß nicht in Zürich allein. Die Bank in Basel scontirt nicht mehr. Ein Basler, der mehrere Millionen Vermögen hat, hat hier gegen beste Sicherheit 100,000 fcs (natürlich erfolglos) gesucht. Wir hören | daß die eidsgenössische Bank nicht mehr (wenigstens nicht über 1000 fcs) zahle; daß in Bern ein Moratorium erlassen sei u. s. f. Die Eidsgenossen schaft selbst wird bald auch in Verlegen heit kommen & es scheint mir, daß die Frage einen über die einzelnen Kantone hinaus reichenden Charakter annehmen wird & daß es am Platze wäre, von Bundeswegen derselben alle Aufmerk samkeit zu zu wenden. Ich war schon am Sonntage dieser Ansicht, aber ich dachte, ich sei vielleicht zu ängstlich, sehe nun aber, daß die Gefahr doch nicht bloß eine Ausgeburt meiner Phantasie ist.

Die Kreditanstalt ist vielleicht besser gerüstet, als irgendwer hier; aber dieß ändert an der Situation nicht das Mindeste. Am Montag, als der Bericht kam, daß die Filiale der französischen Bank in Mühl hausen nicht mehr scontire, haben wir uns nach Paris & Lyon gewendet & es sind 1,700,000 fcs für uns unter wegs; hoffentlich werden heute oder morgens schon 500,000 fcs | anlangen. Dieß ist eine gewisse Beruhigung für uns, aber doch kein Grund, sorglos zu sein.

Ich sehe mit Sehnsucht dem Augen blicke entgegen, in dem wir Dich wieder hier haben werden. Deinen guten Rath, Deine Einsicht & Deine Energie haben wir nie nöthiger gehabt, als jetzt. Diese Zeilen haben den Zweck, unsere Freunde im Bundesrathe & in der Bundes versammlung zu veranlassen, den Finanzpunkt zu erwägen.

Nebenbei bedaure ich, daß die N. Z. Zeitung so leidenschaftlich gegen Frankreich Partei nimmt. Es scheint mir selbstverständlich eine neutrale Haltung geboten zu sein. Ich hätte H. Eugen Escher geschrieben, aber ich dachte, er werde wohl von sich aus seinen Mitarbeitern Instruktionen geben. Ich schreibe dieß in größter Eile, um den Brief noch auf die Post geben zu können.

Von Herzen Dein

J R