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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Rüttimann

AES B0054 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#422*

Johann Jakob Rüttimann an Alfred Escher, s.l., Montag, s.d.

Schlagwörter: Demissionen, Personelle Angelegenheiten, Schweizerische Kreditanstalt (SKA)

Briefe

Lieber Freund.

Da ich vernahm, daß Herr H. sich wieder besser befinde, forderte ich ihn auf, sich über den bewußten Vorfall zu verantworten. Ich hatte sodann gestern Abend eine Unterredung mit ihm, die fast anderthalb Stunden dauerte. Es fiel mir auf, daß Herr H. sich der Schwere des Falls gar nicht bewußt war – Er schien zu glauben, daß von Seite der Herren Hüni & Fierz böser Wille gegen ihn im Spiele sei. Er versicherte mir, daß er den Kredit gar nicht aus Noth überschritten habe, daß er jeden Augenblick bereit sei, nicht nur das über den ihm bewilligten Kredit hinaus Bezogene, sondern seine ganze Schuld genügend zu decken, oder auch zu bezahlen. Ich machte ihn dagegen sehr eindringlich darauf aufmerksam, daß es keineswegs bloß um die Gefahr eines Schadens, sondern um die Ordnung handle. Er dagegen hob immer wieder hervor, daß er bloß beabsichtigt habe, die Summe für kurze Zeit zu benutzen & daß er deßhalb der Sache keine Wichtigkeit beigelegt habe. Erst am Schlusse unserer Unterredung als Herr H. im Begriffe war, sich zu entfernen, stellte es sich heraus, daß Herr | H. die Verfügung des Verwaltungsrathes vom 9. April 1864. entweder nie gekannt, oder jedenfalls vollkommen vergessen hatte. Er sagte mir immer, es sei ihm bloß das Spekuliren auf eigene Rechnung untersagt worden; von der Erhebung von Geldern stehe durchaus in dem betreffenden Beschlusse nichts. Er bezog sich dabei auf die in seinen Händen befindliche Ausfertigung. Als ich ihm endlich klar machte, daß zwei Beschlüsse bestehen, war er wie vernichtet & weinte bitterlich. Ich habe aus seinem ganzen Benehmen die feste Überzeugung gewonnen, daß jedenfalls von einer absichtlichen & wissentlichen Übertretung des fraglichen Verbots keine Rede sein kann.

Herr H. hat, wie immer viel unlogisches & inkohärentes Zeug vorgebracht, im Übrigen aber sich durchaus nicht ungebührlich betragen. Er sagte auch mir, wie H. Hüni: Er habe zwar durchaus keine Aussicht auf eine andere Anstellung, aber wenn sein Austritt gewünscht werde, werde er sofort entsprechen. Ich bemerkte ihm, daß sein aufgeregtes & zerstreutes | Wesen mir & Andern aufgefallen sei. Ich verhehlte ihm nicht, daß ich befürchte, er sei durch seine Privatverhältnisse so gedrückt, daß er nicht im Stande sei, ruhig unserer Anstalt sich zu widmen. Dagegen betheuerte er mir mit der größten Entschiedenheit, daß dieß nicht der Fall sei; daß er seine Privat-Ökonomie mit Hilfe seines Schwiegervaters durchaus geordnet habe; daß nur die bekannten Vorgänge auf dem Bureau & die ungünstigen Verhältnisse der Anstalt ihn präokkupiren, nicht seine eigenen Angelegenheiten. Er wies auch darauf hin, wie schwierig die Lage der Anstalt im letzten Jahre gewesen sei & wie er sich bemüht habe, durch die Klippen hindurch zu kommen; wie auch das Tauschgeschäft zwischen den drei Anstalten von ihm ausgedacht & zuerst in Gang gebracht worden sei.

Er wünscht sehr, mit Dir zu sprechen, ehe die Sache im Ausschusse diskutirt wird.

Ich habe diese Woche ungewöhnlich viel auf dem Halse, indem die Kommission betr. das Strafgesetz eine Reihe von Sitzungen | hält, sonst würde ich Dir mündlich Bericht erstattet haben.

Mit freundlichem Gruße

von Herzen Dein

J R

(Montag Vormittag
auf dem Rathhause)

Kontexte

  • s.d.