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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Rüttimann

AES B0053 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#422*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 157

Johann Jakob Rüttimann an Alfred Escher, s.l., Sonntag, [September 1871 ?]

Schlagwörter: Eisenbahnen Finanzierung, Eisenbahnen Verträge, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Staatsverträge

Briefe

Lieber Freund.

Ich bin überzeugt, daß Du nur nothgedrungen zu dem von Dir mit guten Gründen so lange bekämpften System Hanseman übergegangen bist. Stark kommt es mir vor, daß diese Herren aus der Proposition Servadio1 die auf allfällige Ersparnisse basirte Provision, die sie früher verdammten, heraus gegriffen & dieselbe sogar in der Höhe von 20% für sich angesprochen haben.2 Ich weiß in der That nicht recht, mit welchen Gründen sie es rechtfertigen können, in dieser Weise ihre ursprüngliche Proposition zu verschlechtern.3

Sehr bedenklich scheint mir der Punkt, auf den Widmer hingewiesen hat, daß das Aktien-Kapital von effektiven| 35 Mill. drei Millionen Dividende, also über 8½% erhält, bevor das Subventions-Kapital etwas beziehen kann.

Darüber scheint man einverstanden zu sein, daß das fiktive Kapital erst am Schlusse, bei Liberirung der Titel abgerechnet, & daß während der ganzen Bauzeit nur das effektiv Einge zalte mit 6% verzinset wird.

Sehr günstig für die Aktionäre & das Subventions-Kapital ist der Kurs, zu dem das Syndikat die Obligationen übernimmt; aber welche Garantieen hat man, daß dieses Engagement erfüllt wird? Genügt das bloße Versprechen der das Konsortium bildenden Firmen?

Wenn ich richtig rechne, so| übernimmt das Konsortium eine Aktie von 500 fcs zum Kurse von effektiv ein zu zahlenden 291 fcs 67 C.4 Zu welchem Kurse gedenkt man die Aktien dem Publikum an zu bieten? Darf das Publikum den Übernahmskurs kennen? & wenn nein, ist es juristisch erlaubt & faktisch möglich, den selben geheim zu halten?

Wird auf die Amortisation der Obligationen verzichtet?5 Welches sind die Rückzahlungstermi ne für die Obligationen?

Ich bedarf natürlich keine Antwort auf diese Fragen; sie sollen nur andeuten, was mir am Projekt nicht klar ist & was vielleicht klarer gemacht werden kann. Ich tappe überhaupt im Finstern, weil ich den internationalen Vertrag nicht kenne.

Am wenigsten verstehe ich, daß es möglich sein soll, 66,480,000 fcs Obligationen à 5% zu 100,78 aus zu bringen.6

Verzeihe diese flüchtig hingeworfenen Bemerkungen.

Von Herzen Dein

J R

Sonntags|

Das Gotthard-Comité wird jedenfalls darüber wachen müssen, daß das Syndikat, indem es dem Publikum die Aktien & Obligationen anbietet, demselben nicht Sand in die Augen streut, sondern das Verhältniß klar & wahr darstellt.

Kommentareinträge

Datierung gemäss Briefkontext.

1 Giacomo Servadio (gest. 1875), italienischer Bankier, Mitglied der Abgeordnetenkammer des Königreichs Italien, Präsident der Società generale di Credito Provinciale e Comunale und der Società anonima Italiana per compera e vendita di terreni, costruzioni ed opere pubbliche.

2 Im Vorschlag, auf den sich Rüttimann bezieht, beanspruchte das deutsche Konsortium eine Partizipation an den Ersparnissen von «20% ausschließlich auf die Rechnung des grossen Tunnels» . Im tatsächlich geschlossenen Vertrag wurde festgelegt, dass die Gesellschaft «dem Consortium einen Drittheil der Ersparnisse gewähren [werde], welche bei dem Bau des großen Tunnels ausschließlich des Mauerwerkes, dagegen einschließlich des doppelspurigen Oberbaues gegenüber dem Voranschlage von Fr. 3,733 per Meter erzielt werden» . Die Gruppe um Servadio hatte eine Ersparnisbeteiligung von 10 bis 20%, jedoch auf die Ausführung des gesamten Unternehmens, also inklusive der Zufahrtslinien, gefordert. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 26. September 1871; Vertrag Beschaffung Baukapital, § 13. Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 4. September 1871, 28. September 1871.

3 Nachdem der Ausschuss der Gotthardvereinigung am 4. September 1871 die Propositionen des deutschen Konsortiums für unannehmbar betrachtet hatte, da sie im Widerspruch zum Protokoll der internationalen Konferenz von 1869 standen, richtete Escher im Namen des Ausschusses ein Schreiben an die Direktion der Disconto-Gesellschaft, dem er einen persönlichen Brief an Hansemann folgen liess. Der Ausschuss der Gotthardvereinigung und die Gotthardbahnkommission des Bundesrates seien sich darin einig, dass «eine Kombination, gemäß welcher dem Konsortium für die Gründung der Gotthardbahngesellschaft, als eine der für die feste Uebernahme des Baukapitales zu gewährenden Gegenleistungen namentlich auch ein mäßiger Bruchtheil von einer Summe zuzusichern wäre, welche im günstigen Falle bei der Ausführung des Baues gegenüber dem Kostenvoranschlage der internationalen Konferenz erspart würde, nicht abzulehnen, sondern im Gegentheile willkommen zu heißen wäre» . Alfred Escher an Direktion Discontogesellschaft, 6. September 1871. Vgl. Alfred Escher an Adolph von Hansemann, 7. September 1871; Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 4. September 1871.

4Das deutsche Konsortium schlug vor, dass auf Aktien im Nominalwert von 60 Mio. Franken eine effektive Einzahlung von 35 Mio. Franken stattfinden würde. Laut abgeschlossenem Vertrag betrug das Gesellschaftskapital 34 Mio. Franken, welches das Konsortium zu einem Kurs von 95% abzüglich 3% Provision übernahm. Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 26. September 1871; Vertrag Beschaffung Baukapital, § 6.

5Nachträgliche Korrektur, ursprünglich: «Genügt das Agio von 0,78 zur Amortisation der Obligationen oder wird auf die Amortisation verzichtet?»

6Der Vorschlag des deutschen Konsortiums sah vor, dass auf die Obligationen im Nominalwert von 66 480 000 Franken 100,78%, somit 67 Mio. Franken, effektiv einzuzahlen seien. Laut abgeschlossenem Vertrag übernahm das Konsortium ein Obligationenkapital von 68 Mio. Franken zum Kurs von 97% abzüglich 2% Provision. Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 26. September 1871; Vertrag Beschaffung Baukapital, § 8.