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Korrespondenz: Alfred Escher – Oswald Heer

AES B0029 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#253*

In: Jung, Escher Briefe, Band 6, Nr. 3

Oswald Heer an Alfred Escher, Zürich, Sonntag, [ 15 . Dezember 1867 ]

Schlagwörter: Polemiken und Anwürfe (Escher), Volksversammlungen, -mobilisierungen

Briefe

Mein lieber Freund!

Die neueste Schmähschrift1 von Locher2 veranlasst mich zu diesen Zeilen. Zwar werden Deine Feinde, welche nach Titel u. Motto gar erschrekliche Enthüllungen erwarteten, nicht wenig enttäuscht worden sein, denn wenn selbst ein Locher nichts als Erbärmlichkeiten gegen Dich vorzubringen weiss, muss eine solche Schrift gerade die gegentheilige Wirkung haben, als beabsichtigt wurde. Indessen kommen ein paar Stellen vor, bei denen es zweifelhaft sein kann, ob nicht etwas darauf sollte geantwortet werden. Ich habe beiliegend eine derartige Erklärung3 niedergeschrieben u. will es ganz Dir überlassen, ob Du deren Veröffentlichung zweckmässig haltest oder nicht. Es kann sich fragen ob diese Form die Richtige sei u. ob überhaupt in Sachen etwas gethan werden soll, da auf solche Erklärungen wieder andere folgen werden u. Locher um neue Lügen nicht verlegen sein wird.

Von den heutigen sogenannten Volksversammlungen4 wirst Du ohne Zweifel von anderer Seite Bericht erhalten. Ich habe zur Stunde noch gar nichts davon erfahren. Der Himmel hat jedenfalls dafür gesorgt dass diesen Leuten etwelche Abkühlung zu Theil geworden ist.5 Mit wissen | schaftlichen Arbeiten vollauf beschäftigt, kann ich nur von Zeit zu Zeit einen Ausblick in die Aussenwelt thun u. da kommt mir dieses wüste Treiben, wie ein böser Traum vor. Noch vor wenigen Monaten hätte es nicht für möglich gehalten, dass so was im Cant. Zürich vor sich gehen könnte u. ich gestehe aufrichtig, dass ich an der Wirkung der so hochgesteigerten Bildungs mittel unseres Kantons irre geworden bin. Doch muss man bei alledem den Muth nicht verlieren, bleibt nur das Bewust sein mit redlichem Willen das Wahre u. Gute angestrebt zu haben, kann man ruhig den Stürmen entgegen gehen u. «das System»6 hat so viel Schönes u. Grosses geschaffen, dass auch diese es nicht mehr zu zerstören vermögen werden.

Ich war heute Nachmittag in Belvoir. Frau Escher ist immer noch leidend; Frau Stockar wohl auf; die Fräulein Tochter sehr munter u. hat mit Egbert7 auf der Laube einen Schottisch getanzt. 8

Unter den herzlichsten Grüssen
ganz Dein

Oswald Heer

Zürich Sonntag Abend.9

Kommentareinträge

1Heer bezieht sich auf das Pamphlet «Der Prinzeps und sein Hof» von 1867 von Friedrich Locher. Zu Lochers Pamphleten vgl. Friedrich Lochers Pamphlete «Die Freiherren von Regensberg» und das liberale System Alfred Eschers. Zu Heer vgl. Friedrich Lochers Pamphlete «Die Freiherren von Regensberg» und das liberale System Alfred Eschers, Absatz 30.

2 Friedrich Locher (1820–1911), Zürcher Anwalt, Publizist und Pamphletist. Fritz Bürkli an Alfred Escher, 5. Mai 1866, Fussnote 8.

3 Vgl. Beilage zum Brief Oswald Heer an Escher vom 15. Dezember 1867 (BAR J I.67-8).

4Am Sonntag, 15. Dezember 1867, fanden in Zürich, Uster, Winterthur und Bülach Volksversammlungen statt. Diese wurden von gegen 18 000 Männern besucht, was mehr als einem Viertel aller damaligen Stimmberechtigten entsprach. An jenen Volksversammlungen konnten denn auch weit mehr als die 10 000 notwendigen Unterschriften für eine Verfassungsänderung zusammengetragen werden, womit der Weg für die Volksabstimmung über die Verfassungsrevision vom 26. Januar 1868 geebnet war. Vgl. Staatsarchiv ZH, Zürcher Verfassungsgeschichte, S. 67-68; «Der Prinzeps und sein Hof» oder wie die liberale Herrschaft in Zürich unterging, Die Opposition formiert sich in Winterthur.

5Die Volksversammlungen fanden an jenem Sonntag bei strömendem Regen statt. Dies war auch der Grund, dass die Zahl der Teilnehmer letztlich unter den Erwartungen blieb, wie Friedrich Gustav Ehrhardt in seinem Brief an Escher vom 17. Dezember 1867 festhält. Vgl. Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, 17. Dezember [ 1867 ?].

6Heer meint mit dem «System» das liberale «Herrschaftssystem Escher» zur Zeit der repräsentativen Demokratie. Zum System vgl. «Der Prinzeps und sein Hof» oder wie die liberale Herrschaft in Zürich unterging;Friedrich Lochers Pamphlete «Die Freiherren von Regensberg» und das liberale System Alfred Eschers.

7 Egbert Stockar (1842–1903), Sohn von Clementine und Kaspar Stockar.

8Heer schliesst diesen Brief mit Ausführungen zu einzelnen Familienmitgliedern Alfred Eschers, da dieser vom 2. bis 21. Dezember 1867 in Bern weilte und an der ordentlichen Session des Nationalrats teilnahm.

9Datierung gemäss Briefkontext.

Kontexte