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Korrespondenz: Alfred Escher – Heinrich Schweizer

AES B0022 | ZBZ FA Escher vG 207.104

Alfred Escher an Heinrich Schweizer, s.l., Samstag / Sonntag / Montag, s.d.

Schlagwörter: Berufsleben, Freundschaften, Privatunterricht

Briefe

Samstag Abend. 8 Uhr.

In meinem Ar beitszimmer ganz einsam!

Mein theuerster Freund!

Von Neuem haben Sie uns verlassen! Wie weh thut es doch, sich von einem so lieben, guten Freunde trennen zu müssen! Nicht wahr, Sie erfreuen uns bald wieder durch Ihre Ankunft, die uns immer die größte Freude verur sachen wird!-

Sie werden jetzt wahrscheinlich in Ihrem Studierzimmer Ihre morgende Predigt memorisiren; und dazwischen denken Sie ge wiß auch etwa an ferne liebe Leute. Auch diese denken oft an Sie und haben diesen Abend schon mehrere Mahle rechts über den Zolli koner Kirchthurm hinüber geschaut!

Sontag Morgens. ½ 10 Uhr.

Ich habe eben wieder den Brief vom 17ten huj. gelesen, den ich an dem Montage erhielt, an welchem Sie zum ersten Mahle in Belvoir schliefen. Ich kann nicht Anders, als mich noch ein wenig mit Ihnen darüber unterhalten:

Sie sagen, theurer Lehrer, daß es Ihnen so wehe thue, von mir deßwegen Vorwürfe zu hören, weil Sie vorletzte Woche nicht nach Zürich kommen konnten. Der Ausdruck «Vor würfe» schmerzte mich innig, denn erstens wollte ich Ihnen keineswegs Vorwürfe machen; ich suchte nur, Ihnen mein und meiner Familie Leidwesen auszudrücken, Sie so lange nicht mehr gesehen zu haben und 2) geziemt es sich gar nicht, daß ein Schüler einem Lehrer Vorwürfe mache. Sie sagen ferner, ich hätte doch, weil ich die Gründe wüßte warum Sie uns nicht besuchten, «nachsichtiger» und «billiger» in meinem Ur theile seyn sollen. O! ich wußte gar zu wohl, wie erne | Sie uns besucht hätten, auch gar zu wohl, warum Sie uns nicht besucht hatten, der Grund war nähmlich: Ihre Geschäfte; aber auf der einen Seite dachte ich, ein kleiner Unterbruch würde Ihrer Ge sundheit von großem Nutzen seyn; auf der andern Seite trieb die Sehnsucht, Sie bald wieder zu sehen, mich zu der Bitte an, Ih ren Besuch zu beschleunigen, und endlich hatte ich gehofft, Sie wür den vielleicht diese oder jene weniger wichtigen Geschäfte für ei nige Tage verschieben, um durch Ihren Besuch ih ren Freunden eine Freude zu verursachen. – Ferner schreiben Sie, ich soll mich Ihrer gegenwär tigen Pflichten und Verhältnisse erinnern, um fortan mehr Bil ligkeit, in meinem Urtheile walten zu lassen. Und auf den er sten Punct muß ich Ihnen mit Wehmuth antworten, daß ich es nur gar zu wohl wisse, daß Ihnen Ihre gegenwärtige Pflicht gebeut, Ihre Zeit und Ihre Kräfte Andern zu widmen; aber ich darf mit Zu versicht hoffen, daß Sie auch mir einen Theil Ihrer Kräfte und Ihrer Zeit widmen werden. Ein Urtheil wollte ich mir gar nicht erlauben! Wenn Sie auch diese paar Zeilen betrüben, so ver zeihen Sie, ein nachsichtiger Lehrer, einem Schüler, der Sie damit nicht betrüben wollte.

Mamma konnte sich die beyden letzten Abende nicht entschließen, das Haus zu verlassen, um den Mond schein zu betrachten, indem Ihr der Verglich mit dem Donnerstag Abend so wehe gethan hätte; auch war heute, als Ihr die Sonne beym Erwachen ganz rein und von allen Dünsten frey ins Zimmer schien, wie wir es hier noch niegesehen haben, ihr erster Gedanke: «Wenn der gute Herr Schweizer es nur sehen würde!» | Sie kann sich über diesen prächtigen Tag nicht freuen, weil Ihr der Gedanke, daß Sie keinen so schönen Tag in Belvoir verlebten, Bedau ren erregt; denn Sie ist überzeugt, dieser Aufenthalt würde Ihnen heute ganz besonders lieblich vorkommen; auch Gesundheits halber kann Mamma dieses schöne Wetter nicht recht genießen; denn seit die sem Morgen fühlt sich Mamma so unwohl, daß sie Ihre Zuflucht zu ei nem Camomillen-Thee nehmen mußte!

Montag Morgen ¼ vor 8 Uhr.

Nun noch einen guten Tag will ich Ihnen wünschen, theuerster, liebster Lehrer; auch alle Lieben & Theuern in Belvoir , drücken Ihnen zum freundlichen Mor gengruße die Hand. Da es schon so spät ist, ich von 9–12 Stun den habe, und da der Brief um 1 Uhr an der Schifflände seyn soll, daß ich also um 12 Uhr keine Zeit mehr hätte, Ihnen zu schreiben, so muß ich schließen mit den herzlichsten Grüßen Papa's, Mamma's und Clementinen's, die bey Ihrem Abschiede am Freytage so theil nehmend weinte und Ihres Sie umarmenden

Alfreds.

In größter Eile mit einer abscheu lichen Feder, wie Figura zeigt.