Grundlage und Ziele der Edition

Der Politiker und Wirtschaftsführer Alfred Escher war an vielen für die Zukunft des schweizerischen Bundesstaates wichtigen Weichenstellungen beteiligt. Wie kein anderer hat er die Entwicklung der jungen Schweiz und des Kantons Zürich nach 1848 angestossen. Seine Korrespondenz stellt ein partei-, sozial-, mentalitäts-, wirtschafts- und nicht zuletzt auch wissenschaftsgeschichtliches Zeitzeugnis dar. In der digitalen Briefedition macht die Alfred Escher-Stiftung diese für die Schweizer Geschichte und die Geschichte Zürichs des 19. Jahrhunderts bedeutsame Korrespondenz einem breiten Kreis von Forschern und interessierten Laien zugänglich und bietet damit gleichzeitig einen ortsungebundenen, systematischen Zugang.

Die Publikation der Korrespondenz Alfred Eschers erfolgt im Rahmen eines multimedialen Editionsprojekts. Die Briefe werden sowohl als gedruckte Reihe als auch online als digitale Edition publiziert. Für beide Publikationsformen gelten grundsätzlich dieselben editorischen Prinzipien. Die auf sechs Bände angelegte gedruckte Reihe «Alfred Escher. Briefe» entsteht unter der Herausgeberschaft und wissenschaftlichen Leitung von Professor Joseph Jung und erscheint im Verlag NZZ Libro, Zürich. Bislang sind drei Bände erschienen, ein vierter ist in Drucklegung: Band 1: Alfred Escher zwischen Lukmanier und Gotthard. Briefe zur schweizerischen Alpenbahnfrage 1850–1882, Zürich 2008. – Band 2: Alfred Eschers Briefe aus der Jugend- und Studentenzeit (1831–1843), bearbeitet und kommentiert von Bruno Fischer, Zürich 2010. – Band 3: Alfred Eschers Briefwechsel 1843–1848. Jesuiten, Freischaren, Sonderbund, Bundesrevision, bearbeitet und kommentiert von Björn Koch, Zürich 2011. – Band 4 (in Drucklegung): Alfred Eschers Briefwechsel 1848–1852. Aufbau des jungen Bundesstaates, politische Flüchtlinge und Neutralität, bearbeitet und kommentiert von Sandra Wiederkehr. – Band 5 (in Bearbeitung): Das wirtschaftsliberale Zeitfenster oder Erfolgsfaktoren der heutigen Schweiz (1852–1866) [Arbeitstitel]. – Band 6 (Projekt in Planung): Alfred Eschers Briefwechsel (1867–1882) [Arbeitstitel].

Der bislang ermittelte Bestand an Briefen von und an Alfred Escher umfasst rund 4500 Schriftstücke, die im Original in verschiedenen öffentlichen und privaten Instituten in der Schweiz liegen. Rund 1000 Briefe wurden von Escher verfasst, die übrigen sind an ihn gerichtet. Die Originale der Escher-Korrespondenzen befinden sich in folgenden Archiven und Bibliotheken und belaufen sich auf folgende Anzahl Schriftstücke:

Schweizerisches Bundesarchiv, Bern (BAR) ca. 2600
Archiv der Stiftung Historisches Erbe der SBB, Bern (SBB Historic) ca. 1200
Zentralbibliothek Zürich, Zürich (ZBZ) ca. 270
Familienarchiv Tschudi, Glarus (FA Tschudi) ca. 180
Staatsarchiv Basel-Stadt, Basel (StABS) ca. 50
Staatsarchiv Zürich, Zürich (StAZH) ca. 30
Kantonsbibliothek Vadiana St. Gallen, St. Gallen (KBSG) ca. 30
ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, Zürich ca. 25
Winterthurer Bibliotheken (WinBib) ca. 15
Landesarchiv Glarus, Glarus (LAGL) 8
Stadtarchiv Zürich, Zürich (StArZ) 6
Bibliothek von Genf, Genf (BGE) 6
Burgerbibliothek Bern, Bern 5
Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, Trogen (KBAR) 4
Staatsarchiv Thurgau, Frauenfeld (StATG) 4
Staatsarchiv Aargau, Aarau (StAAG) 4
Staatsarchiv Graubünden, Chur (StAGR) 4
Staatsarchiv Neuenburg, Neuenburg (StANE) 4
Stadtarchiv Lugano, Lugano (StAr Lugano) 4
Schweizerisches Literaturarchiv, Bern (SLA) 3
Staatsarchiv Genf, Genf (StAGE) 2
Schweizerisches Wirtschaftsarchiv, Basel (SWA) 2
Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Luzern (ZHBLU) 2
Universitätsbibliothek Basel, Basel (UBBS) 1
Zentralbibliothek Solothurn, Solothurn (ZB Solothurn) 1

Alfred Escher bewahrte die an ihn gerichteten Briefe gewöhnlich auf; diese Sammlung bildet den Hauptteil seines Nachlasses im Schweizerischen Bundesarchiv. Seine eigenen Briefe hingegen sind weit verstreut und teilweise schwierig aufzufinden. Von vielen Briefpartnern ist entweder kein Nachlass bekannt oder nur eine unvollständige Briefsammlung erhalten.

Die Alfred Escher-Stiftung möchte mit ihrer digitalen Edition im deutschsprachigen Raum der digitalen Editorik eine Marke setzen und namentlich die Möglichkeiten der digitalen Welt des Internets ausschöpfen: hinsichtlich Vernetzung der Elemente sowohl innerhalb der Edition als auch extern, hinsichtlich Benutzerführung, Anwenderfreundlichkeit, Präsentation, Zugänglichkeit, Transparenz, Personalisierungsmöglichkeiten oder Datenmenge. Die Alfred Escher-Stiftung möchte den Benutzern vielfältige und anwenderfreundliche Mittel zum Umgang mit dem umfangreichen Quellenbestand an die Hand geben. Mit ihrer digitalen Edition stellt die Alfred Escher-Stiftung die dauerhafte Verfügbarkeit von Quellen und weiterer Materialien von und zu Alfred Escher im World Wide Web sicher.

Editorische Prinzipien

Die digitale Edition umfasst als zentrales Element die überlieferten Korrespondenzen (Briefe und Telegramme) von und an Alfred Escher. Diese wurden systematisch in Archiven und Bibliotheken schweizweit ermittelt und in Kopie gesammelt. Ebenfalls im Bestand der Stiftung befinden sich ausgewählte Kopien von Briefen Dritter an Dritte, die für die Kommentierung von Briefen von und an Escher verwendet werden. Grundlage der publizierten Briefe bilden wo immer möglich die Originalbriefe. In den wenigen Fällen, wo der Originalbrief nicht überliefert ist, wird ein Dokument mit abweichendem Status (Entwurf, Abschrift) verwendet. Alle Briefe werden ungekürzt publiziert; hingegen wird auf die Wiedergabe von Textteilen rund um den eigentlichen Brieftext wie Beilagen oder Briefcouverts verzichtet. Als Bestandteil der Digitalisate können solche Elemente jedoch in der Faksimile-Ansicht eingesehen werden.

Die Alfred Escher-Stiftung transkribiert die meist in deutscher Kurrentschrift verfassten Briefe im XML-Format weitgehend anhand von kopierten Vorlagen. Sämtliche Transkriptionen wurden von externen Spezialisten verifiziert. Der Originaltext wird möglichst buchstaben- und zeichengetreu erfasst. Getrennt- und Zusammenschreibung sowie Gross- und Kleinschreibung werden nach Möglichkeit exakt festgehalten. In die Orthographie und Interpunktion wird grundsätzlich nicht eingegriffen, und auch Verschreibungen und syntaktisch unkorrekte Sätze werden unverändert übernommen. Korrekturen des Schreibers (Streichungen, Einfügungen) werden in den Grunddaten entsprechend ausgezeichnet. Layout-Eigenschaften des Originals (Gliederung, Position von Absätzen, Zeilen- und Seitenwechsel) werden ebenso erfasst, allerdings teilweise in vereinfachter Form: auf eine detaillierte Erfassung sämtlicher textgenetischer Eigenheiten (genaue Verortung von Textzusatz, Textersatz und Textumstellung) wird beim vorliegenden, in erster Linie in historischer Hinsicht interessierenden Textkorpus verzichtet. Hervorhebungen im Originaltext (Unterstreichungen; Verwendung lateinischer Buchstaben für einzelne Begriffe) werden in der Transkription gekennzeichnet, wobei in der XML-Auszeichnung nicht zwischen einfacher und mehrfacher Unterstreichung unterschieden wird. Abkürzungen werden beibehalten und im Text nicht aufgelöst; Ligaturen und Buchstabenverschleifungen ohne Abkürzungspunkt hingegen werden ausgeschrieben und mit entsprechender Auszeichnung gekennzeichnet. Unterschriften werden nach Möglichkeit ebenfalls buchstabengetreu transkribiert. Schwundformen einzelner Buchstaben werden dabei anhand von Vergleichsmaterial auf die ursprüngliche Vollform zurückgeführt und bei den entsprechenden Unterschriften einheitlich erfasst.

Sämtliche Briefe werden im XML-Format mit einer Minimalauszeichnung versehen. Dazu gehört neben dem Erfassen der Metadaten (Sender, Empfänger, Briefdatum, Wochentag, Provenienz, Schlagwörter) die Kennzeichnung aller genannten Personen und Orte mit einer eindeutig identifizierbaren Normbezeichnung in moderner Orthographie. Weiterhin werden systematisch erwähnte Datumsangaben, Abkürzungen und erwähnte Escher-Korrespondenz gekennzeichnet. Siehe folgendes Beispiel: XML-Illustration AES B0198

Stellenkommentare enthalten die zum umfassenden Verständnis der Briefe nötigen Informationen: Erläuterungen zu Personen, unklare Sachverhalte, technische Begriffe sowie lateinische oder nicht mehr gebräuchliche deutsche Begriffe. Nicht identifizierte Personen und nicht entschlüsselte Sachverhalte sowie nicht eruierte Beilagen werden mit der Bemerkung nicht ermittelt gekennzeichnet, nicht vorhandene Beilagen mit nicht überliefert. Solche Stellenkommentare werden in der digitalen Edition bei sämtlichen in der gedruckten Editionsreihe publizierten Briefen angeboten.

Die Stiftung verfügt über Digitalisate aller Briefe, deren Lesbarkeit jene der entsprechenden Originale übertrifft. Diese Digitalisate sind mit einer Auflösung von 300 dpi eingescannt. Die Scans wurden im Format TIFF gespeichert, das als Archivformat verwendet wird. Für die Präsentation in der digitalen Edition wurden die Dateien in JPEG-Dateien mit derselben Auflösung umgewandelt. Jeweils die ersten Seiten jedes Briefes sind mit einem Massraster und einer Norm-Farbskala versehen.

Begleitend und ergänzend zu den Briefen werden verschiedene weitere Texte und Dokumente erstellt, für die, wie für die Briefe, das XML-Dateiformat verwendet wird. Die Struktur der Dokumente wird in DTDs oder XML-Schemata definiert, die sich an den Richtlinien der Text Encoding Initiative (TEI) orientieren.

Der Einbettung der Briefe in den historischen Kontext dienen sogenannte Überblickskommentare, welche komplexe Sachverhalte im Zusammenhang darstellen und so auch die Stellenkommentare der Briefe entlasten sollen. Die in der digitalen Edition publizierten Überblickskommentare werden aus der gedruckten Editionsreihe übernommen.

Die anschauliche Kontextualisierung der Briefe geschieht in der Chronologie. Diese umfasst die gesamte Lebensspanne Alfred Eschers (1819–1882) und enthält einerseits Eschers politische, wirtschaftliche und sonstige Ämter und Funktionen, anderseits ausgewählte Ereignisse, die für das Verständnis des entsprechenden historischen Zusammenhangs von Bedeutung sein können. Die Chronologie wird laufend erweitert: Beispielsweise ist geplant, alle Sitzungsteilnahmen Eschers in den verschiedenen Gremien systematisch zu erfassen.

Die Edition bietet umfassende Register für sämtliche in Briefen und Überblickskommentaren erwähnte Personen und Orte, ein Verzeichnis aller verwendeten Abkürzungen sowie eine Bibliographie mit Quellen und Literatur, die für die Erstellung der Edition konsultiert wurden. Für alle Korrespondenten sowie für ausgewählte weitere Personen wird eine Kurzbiographie mit grundlegenden biographischen Angaben angeboten. In den Überblickskommentaren und Kurzbiographien werden als Minimalauszeichnung alle genannten Personen und Orte mit einer eindeutig identifizierbaren Normbezeichnung in moderner Orthographie gekennzeichnet sowie systematisch erwähnte Datumsangaben und Abkürzungen markiert.